Ilse Aichinger

Mein grüner Esel. Erzählungen, Gedichte, Hörspiele

Die Werke in diesem Band wurden ausgewählt und angeordnet von Monika Schoeller und Dietrich Simon.

Sie wurden übersetzt von Adam Bia³ecki, Emilia Bielicka, Karolina Bikont, S³awomir B³aut, Eliza Borg, Alicja Buras, Joanna Diduszko, Tomasz Dominiak, Pawe³ Dydak, Jakub Ekier, Waldemar Fortuna, Krzysztof Jachimczak, Beata Kamiñska, Judyta Klimkiewicz, Andrzej Kopacki, Agnieszka Kowaluk, Ilona Kromp, Aneta Krzymowska, Karolina Kuszyk, S³awa Lisiecka, Ma³gorzata £ukasiewicz, Renata Makarska, Anna Mu¿d¿ak, Karolina Niedenthal, Urszula Poprawska, Maria Przyby³owska, Izabela Sellmer, Maria Skalska, Dorota Stroiñska, Przemys³aw ¦wiêcki, Ryszard Turczyn, Anna Turzyniecka, Ryszard Wojnakowski, Ewa Ziegler-Brodnicka.

Mit einem Nachwort von Richard Reichensperger, übersetzt von Dariusz Rogalski.

Der Band erschien im September 2013 im Verlag Biuro Literackie in Breslau. 503 Seiten.

(Quelle: Werke, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. Main, 1991)


Im Oktober 1933 schrieb der Wiener Schriftsteller Karl Kraus: "Man frage nicht, was all die Zeit ich machte / Ich bleibe stumm / und sage nicht warum. / Und Stille gab es, da die Erde krachte. / Kein Wort, das traf, / man spricht nur aus dem Schlaf. / Und träumt von einer Sonne, welche lachte. / Es geht vorbei, / nachher war?s einerlei. / Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte."

In dieser Sprachlosigkeit, diesem Schweigen mitten in lärmender Brutalität wuchs Ilse Aichinger, am 1. November 1921 geboren, heran, zunächst mit ihrer Zwillingsschwester Helga, die 1939 mit einem letzten Transport nach England entkam, während Ilse mit der allein lebenden Mutter, einer jüdischen Ärztin, und mit der Großmutter, die später in Auschwitz ermordet wurde, wegen des Kriegsausbruchs in Wien gefangen waren. Der Roman Die größere Hoffnung, 1947 erschienen, erzählt davon. Im Zentrum steht eine Lebenserfahrung, die immer wiederkehrt im Werk von Ilse Aichinger: Abschied, und Hoffnung, heißt, "dass irgendwann der Abschied endet und das Wiedersehen beginnt".


Foto: Stefan Moses

Die zugleich literarische und existentielle Herausforderung der jungen Dichterin war die Frage, was aus den Trümmern der Sprache und der Wirklichkeit zu retten, wie aus der Erfahrung des Todes das Leben zu gewinnen sei. Die Spiegelgeschichte erzählt das Leben einer jungen Frau, die nach einer Abtreibung stirbt, vom Ende her, gewissermaßen als Auferstehung. Mit dieser Erzählung, die Ilse Aichinger im März 1952 vor der Gruppe 47, der maßgebenden Versammlung der westdeutschen Nachkriegsliteratur, vorlas, wurde Ilse Aichinger bekannt, nicht zuletzt durch die Art ihres Vortrages, zumal in jener Zeit der Rundfunk ein wesentliches, wenn nicht das entscheidende Kulturmedium gewesen ist. Über die Lesart Ilse Aichingers schrieb Hans Werner Richter, der Spiritus rector der Gruppe 47: "Für mich schien sie ganz in sich versponnen, mehr eine Märchengestalt als eine Figur der Wirklichkeit, und tatsächlich nannte man sie ein paar Jahre später auch eine "Märchentante", was nicht abwertend gemeint war. Sie konnte "verzaubern", wenn sie vorlas, es waren nicht nur ihre Texte, die eine solche Verzauberung hervorriefen, es war vor allem ihre Stimme, in deren Bann man geriet. Gewiss, unsere Realisten wehrten sich dagegen, sie lehnten schon das Wort "Verzauberung" ab, aber auch sie konnten sich dieser Ausstrahlung nicht ganz entziehen. Mir kam sie oft wie selbst ein Stück Literatur vor, alles, was sie sagte, erschien mir so, jeder Satz. Dabei sprach sie nur selten mehr als notwendig war. Und doch war sie eine großartige mündliche Erzählerin. Wer sie einmal gehört hat, der konnte ihr stundenlang zuhören."

Was Ilse Aichinger wie eine Schiffbrüchige aus dem Untergang rettete, war Konkretes, in Wörter gebaut: Holz, Stroh, Glas, Drähte. Zu ihren Lieblingswörtern gehören Heu und Schnee. Die Zusammenhänge der Wirklichkeit werden aufgelöst und die Einzelteile neu zusammengesetzt. "Mein Vater" wird als Strohmann in die Welt gestellt. "Ein grüner Esel trottet unter Hochspannungsdrähten, die Definition von Angst, Ortlosigkeit und Widerstand wird einer Maus in den Mund gelegt", wie Richard Reichensperger im Nachwort unserer Ausgabe schreibt.

Trotz des Zerfalls der Wirklichkeit (in Wahrheit wird eine falsche Welt demontiert), trotz und gerade angesichts der faktischen Bedrohung in der Zeit des Faschismus, bleiben Räume, Orte, Menschen, die ein Du, einen Dialog, ein Hingezogensein ermöglichen. In den autobiographischen Texten, besonders in denen zu den Wiener Jugendjahren kann man dies besichtigen, und noch in den späten Impressionen zu Film und Kino wird immer wieder nach dem Wo, dem Wann und dem Wie gefragt.

Nein, Ilse Aichinger betreibt keinen gegenwartsfernen Ästhetizismus und keine hermetische Literatur, sie zwingt uns aber, aus unseren Befangenheiten, Sehgewohnheiten, Bilderwelten auszubrechen, uns ihrer behutsamen Liebe anzuvertrauen, die besonders den Außenseitern und Verlorenen gilt.

Immer wieder beschwört Ilse Aichinger die Wörter (einer ihrer letzten Bände heißt Schlechte Wörter, 1976), und ihr Werk ist tatsächlich auf Wörtern gebaut. Die Wörter teilen nicht etwas mit, sie haben ihr eigenes Leben, und zwar in allen literarischen Gattungen, die Ilse Aichinger bedient hat: Gedicht, Erzählung, Hörspiel, Roman. Durch das Selbstleben der Wörter gehen die Texte der einzelnen Gattungen ineinander über. Aus diesem Grund wurden die Texte der polnischen Ausgabe weitgehend chronologisch angeordnet. Sie zeigen, wie in der Dichtung ein neuer, eigener Kosmos entsteht, der in der Anstrengung, ihn zu ermessen, seinen eigenen, kostbaren Zauber vermittelt.

Die Kunst, an die das Werk Ilse Aichingers die höchsten Anforderungen stellt, ist die Kunst des Übersetzens.

Dietrich Simon

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