Ernst Augustin

Schönes Abendland

Der Roman erschien in der Übersetzung von Ma³gorzata £ukasiewicz im Verlag PIW in Warschau im Februar 2012, 309 Seiten.
(Originalausgabe: Schönes Abendland, Verlag C. H. Beck, München 2007; dies ist eine geringfügig veränderte Fassung des Romans Mamma, der 1970 bei Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erschien).


Von der ersten Seite dieses Romans an sieht sich der Leser in eine ebenso phantastische wie groteske, ebenso bunte und komische wie düstere und grausame Welt versetzt. Schon das Vorspiel, das heiter und naiv eine raffinierte Exekution von drei Würdenträgern des 17. Jahrhunderts beschreibt, erscheint wie eine Szene aus der Handschrift von Saragossa des Grafen Potocki, und obwohl der Fortgang der Geschichte uns in eine der Gegenwart nähere Zeit verfrachtet, bewahrt die Erzählung bis zum Schluss ihren barock-kuriosen und zugleich eulenspiegelhaften Charakter.

Der Autor schildert die Lebensläufe von drei Buben, die als Drillingskinder der in dem Roman wie ein archetypischer Bezugspunkt thronenden zentnerschweren Mamma kraft einer wunderbaren Schicksalsfügung genau in dem Moment auf die Welt kommen, als die erwähnten Honoratioren diese verlassen. Sobald aber der Verfasser die Drei ins Leben geholt hat, übergibt er ihnen sogleich das Wort, denn schon im Augenblick ihrer wunderbaren Geburt erweisen sich die Kleinen auf eine ebenso märchenhafte Weise als sprachmächtig genug, um über ihre Abenteuer selber zu berichten.

Alle drei zeigen von der Wiege an unterschiedliche Begabungen (das trennt sie) und einen unbezähmbaren Karrieredrang, vor allem um der Mamma zu gefallen (das verbindet sie, trennt aber auch aufs neue, denn jeder von ihnen möchte natürlich den Status ihres Lieblingssöhnchens behaupten). Kein Wunder also, dass ein sich über jede Moral hinwegsetzender skrupelloser Infantilismus die prägnanteste, wirklich gemeinsame Eigenschaft der Drei darstellt.

Stani, der schon in der Schule eine Ader fürs Geschäftemachen erkennen lässt, indem er u. a. mit pornographischen Bildern Handel treibt, will reicher Kaufmann werden, und wird es auch als Herrscher über ein Imperium von Warenlagern, vollgestopft mit dem unterschiedlichsten Zeug, in dessen Besitz er oft auf abenteuerliche Weise gelangt. Die Schilderung seiner Expedition nach Schweden, wo er sich einen angeblich preiswerten Wodkatransport aufschwatzen lässt, gehört zu den vielen köstlich absurden Episoden dieses Romans.

Kulle, der zweite von den drei Brüdern, ist von früh an ein Verehrer des Uniforms, und tatsächlich erklettert er trotz angeborener Feigheit und geistiger Trägheit auf dem krummen Wege der unterschiedlichsten Gemeinheiten die einzelnen Stufen der Militärlaufbahn bis zum Generalposten.

Beffchen, der letzte der Drillinge, fühlt sich von Anbeginn unwiderstehlich von der Wissenschaft, und vor allem von der Medizin, angezogen. Er experimentiert an seinen - wie er meint, ernsthaft kranken - Kollegen, leider mit einem tragischen Ausgang für die Patienten. Trotz dieser frühen Misserfolge absolviert er nicht nur ein medizinisches Studium, sondern bringt es zu einem fanatischen Chirurgen. Bevor er vor das Gericht gestellt wird, führt er eine ebenso komplizierte wie groteske Operation durch, deren minutiöse Beschreibung man nur besonders nervenstarken Lesern empfehlen darf.

In dieser waghalsigen, ja verrückten Erzählung steckt natürlich auch ein rationaler Kern: der Spott über solche längst pervertierte fundamentale Tugenden der bürgerlichen Welt des Kapitalismus wie Vorsorglichkeit, Sparsamkeit, Vorsicht, Mäßigkeit und geduldiges Streben des Einzelnen nach höheren Zielen.

Was aber dem Autor dieses Buches vor allem bescheinigt werden muss, sind seine Fähigkeit spannenden Erzählens und sein Mut, den Leser mit den unwahrscheinlichsten Geschichten zu verblüffen, die sich zugleich vortrefflich in die Realität unterschiedlicher Wissensdisziplinen und Bereiche menschlicher Tätigkeit einfügen. Der Roman bedient sich einer schillernden Sprache, die mit ihren Wortexzessen und equilibristischen Satzkonstruktionen genüsslich den Absurditäten der Fabel folgt. Ernst Augustin beweist schließlich auch einen ausgeprägten und raffinierten Sinn für Humor, was bei deutschen Autoren nicht immer der Fall ist.


Foto: Isolde Ohlbaum

Ernst Augustin (geb. 1927), deutscher Romanautor, hatte seine Kindheit und Jugend in Schweidnitz (heute ¦widnica) und anschließend Schwerin verbracht, wo er 1947 maturierte. 1947-50 studierte er Medizin in Rostock, dann an der Humboldt-Universität in Ostberlin, wo er sein Studium 1952 mit einer Arbeit aus dem Bereich der Psychiatrie abschloss. 1953-58 arbeitete er als Chirurg, Neurologe und Psychiater in Wismar und Ostberlin. 1958 floh er nach Westdeutschland. Bis 1961 leitete er ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan. Er bereiste Pakistan, Indien, die Türkei und die Sowjetunion. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er ein Jahr lang als Psychiater an der Universitätsklinik in München. Danach (bis 1985) war er als psychiatrischer Gutachter tätig. Sein erster Roman Der Kopf erschien 1962. Neben dem oben beschriebenen hat er eine ganze Reihe von Romanen publiziert, die man zu einer spezifischen (sich von Franz Kafka und den Surrealisten herleitenden) Strömung innerhalb der phantastischen Literatur rechnet, wie Das Badehaus (1963), Der amerikanische Traum (1989), Die Schule der Nackten (2003) u. a. Obwohl von vielen Kritikern und Leserkreisen geschätzt, gehört er im deutschen Sprachraum nicht zu den allgemein bekannten Autoren. In Polen ist er (obwohl sein Roman Das Badehaus 1978 hier auf Polnisch erschienen ist) praktisch völlig unbekannt. Er erhielt u. a. den Hermann Hesse-Preis (1962), den Kleist-Preis (1989) und den Literaturpreis der Stadt München (1999). Er ist Mitglied der Bayerischen Kunstakademie und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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