Lukas Bärfuss

Hundert Tage

Der Roman erschien in der Übersetzung von Maria Skalska im Verlag Ha!art in Krakau im März 2010, 237 S.
(Originalausgabe: Wallstein Verlag, Göttingen 2008, 198 S.)


Lukas Bärfuss erzählt die Geschichte eines Schweizer Entwicklungshelfers, der 1990 nach Ruanda geht. Zu diesem Zeitpunkt ist Ruanda fast so etwas wie ein Vorzeigeland. Es hat eine passable Infrastruktur, eine Vielzahl von Hilfsorganisationen aus aller Welt, darunter auch aus der Schweiz, ist in Ruanda tätig. Doch David Hohl muss miterleben, wie all die scheinbar hoffnungsvolle Aufbauarbeit zusammenbricht, sich als Täuschung erweist und schliesslich in einem bestialischen Blutbad endet: David erinnert sich Jahre später in einem Gespräch mit einem Freund an den traumatischen Zusammenbruch, als das Minderheitenvolk der Tutsi von den Hutu ausgerottet werden sollte: innerhalb von drei Monaten, im Frühjahr 1994, wurden 800.000 Menschen umgebracht. David Hohl war in die Hauptstadt Kigali aufgebrochen, um den Afrikanern schweizerische Tugenden zu vermitteln. Er und seine Kollegen sehen durchaus, wie wenig eigentlich ihr Engagement fruchtet, aber sie versuchen sich gut mit der Regierung zu stellen, um ihre Projekte nicht zu gefährden. Sie wollten nur das Beste und arbeiteten mit ihrer Beflissenheit den Henkern in die Hände.

Die Mehrheit im Lande, die regierenden Hutu, liebten die Entwicklungshelfer wegen ihrer Sekundärtugenden: "Ordentlichkeit. Sauberkeit. Ehrlichkeit. Und die wichtigste von allen: der Fleiss." Die Helfer organisieren Schreibgeräte, Telekommunikation und Verkehrswege, "weil jede gute Tat einen Bleistift erfordert, einen Bleistift und einen Lehrer, ein Telefon und eine Strasse." Und dabei versicherten sie sich mit verschlossenen Augen ihrer Rechtschaffenheit. Aber mit dem Bleistift werden die Todeslisten geschrieben, am Telefon der Mordbefehl erteilt, auf der Teerstrasse die Schwadronen zu ihren Opfern gebracht. Und den Radiosender, über den Hutu-Hassprediger ihre Leute gegen die Tutsi anstacheln, hat ein Schweizer Journalist aufgebaut.

Der Roman Hundert Tage beschreibt - über die akribisch recherchierten Ereignisse hinaus - das Dilemma der guten Absicht: er ist kein Plädoyer gegen Entwicklungshilfe, sondern er zeigt auf, dass es kein widerspruchsfreies Leben geben kann. David Hohl handelt in einem Umfeld voller unlösbarer Konflikte, in dem man sich schuldig macht und in dem es keine Alternative gibt. Davon handelt dieser erstaunliche Roman engagiert und kritisch, ohne je zum billigen Traktat zu verkommen.


Foto: Beatrice Künzi

Lukas Bärfuss ist 1971 in Thun (Schweiz) geboren und lebt in Zürich. Bekannt geworden ist er als Dramatiker. Seine Stücke - u. a. "Der Bus" und "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" - wurden an vielen grossen Theatern aufgeführt und in viele Sprachen (darunter ins Polnische) übersetzt. Sein neuestes Stück "Öl" wurde 2009 uraufgeführt. Als Prosaiker debütierte er 2002 mit der Novelle Die toten Männer. Hundert Tage ist sein erster Roman (er kam 2008 auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis). Ausgezeichnet wurde Bärfuss mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis (2005) und - für den Roman Hundert Tage - dem Schweizer Schillerpreis (2009). Seit der Spielzeit 2009/2010 ist Lukas Bärfuss als Dramaturg und Hausautor am Schauspielhaus Zürich engagiert.

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