Gottfried Benn

Einsamer nie und andere Gedichte (1912-1955)

Diese zur Zeit umfangreichste Sammlung polnischer Übersetzungen der Gedichte des großen deutschen Lyrikers erschien - in der Auswahl und mit einem Kommentar von Zdzis³aw Jasku³a - im April 2011 im Verlag Biuro Literackie in Breslau. Die Gedichte wurden übersetzt von S³awa Lisiecka, Jacek St. Buras, Zdzis³aw Jasku³a, Andrzej Kopacki und Tomasz Ososiñski. Etwa 200 Seiten.
(Originalausgabe: Gottfried Benn, Sämtliche Werke, Stuttgarter Ausgabe. Klett-Cotta, Stuttgart 1986-2003.)


Er war einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Große Kontroversen - enthusiastische Reaktionen junger Autoren und Leser, empörte Stimmen des konservativen Publikums - rief bereits sein erster Gedichtband Morgue und andere Gedichte (1912) hervor, in dem Benn - seine während des Medizinstudiums und der ärztlichen Praxis gesammelten Erfahrungen nutzend - auf eine provokante Art und Weise den Ausnahmestatus der menschlichen Existenz in Frage stellte, indem er den Menschen schonungslos in dessen vergänglicher und widerlicher Körperlichkeit zeigte. Bald wurde er einer der wichtigsten Repräsentanten des sich gerade entwickelnden deutschen Expressionismus. Seine illusionslose Vision der menschlichen Gattung, die in drastischen Bildern des Leidens und Sterbens zum Ausdruck kam, wurde von den Greueln des Ersten Weltkriegs genährt. In diese Zeit fallen seine Prosa, veröffentlicht in dem Band Gehirne (1917), und der Gedichtband Fleisch (1917). Aus Belgien zurückgekehrt, wo er als Militärarzt Dienst tat, eröffnete er eine ärztliche Praxis in Berlin und nahm intensiv am gesellschaftlichen und künstlerischen Leben der deutschen Hauptstadt teil. 1922 erschienen seine Gesammelten Schriften und diese Publikation beschloss die expressionistische Phase seines Schaffens. Der zwei Jahre später veröffentlichte Gedichtband Schutt (1924) bezeugte eine Hinwendung des Autors zu eher klassischen, "absoluten" Formen und Inhalten, unter Hervorhebung von Nietzsches Idee der Welt als ästhetischem Wert und der tragischen Einsamkeit des lyrischen Ichs. 1927 erschienen seine Gesammelten Gedichte, ein Jahr später seine Gesammelte Prosa, ein Zeugnis intensiver Beschäftigung Benns - zweifellos unter dem Einfluss Friedrich Nietzsches - mit geschichtsphilosophischer Essayistik, in deren Mittelpunkt eine vor allem vom nihilistischen Standpunkt aus geübte Kritik an der Wirklichkeit stand. Nach dem Publikationsverbot (1938) schrieb er weiter, aber erst 1943 veröffentlichte er (als privaten Druck) Zweiundzwanzig Gedichte, 1936-1943, die später in den Nachkriegsband der Statischen Gedichte (1948) eingegangen sind. Mit diesem Band, in dem er hauptsächlich das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, von Künstler und dessen Leben reflektierte, hat sich Benn bei seinen Lesern wieder in Erinnerung gebracht. Diese Gedichte, die mit dem Klima Nachkriegsdeutschlands korrespondierten und Gegenstand der Faszination der jungen Lyrikergeneration waren, brachten ihm großen, wenn auch verspäteten Ruhm, der durch die Publikation weiterer, während des Krieges oder kurz danach entstandener Texte wie des Romans des Phänotyp. Landsberger Fragment (1944) und Des Ptolemäers. Berliner Novelle (1949) gefestigt wurde. 1951 hielt er in Marburg den grundlegenden Vortrag über "Probleme der Lyrik", der in Deutschland dann jahrelang das moderne Denken über Lyrik bestimmte.


Foto: Benngesellschaft

Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 im brandenburgischen Mansfeld als Sohn eines Pastors geboren. Er studierte zunächst (auf Drängen des Vaters) Theologie und Philosophie in Marburg, später - in den Jahren 1905-11 - Medizin in Berlin. Danach wirkte er als Militärarzt, später als Pathologe und Serologe in den Berliner Krankenhäusern, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Oberarzt im von den Deutschen besetzten Brüssel und nach 1917 wieder als Dermatologe und Spezialist für Geschlechtskrankheiten in Berlin. Gleichzeitig schrieb und publizierte er mit großem Erfolg Gedichte und Prosa. 1932 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt, folgte er nicht deren zahlreichen prominenten Mitgliedern, die nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler die Akademie aus Protest verlassen haben. Eine Zeitlang unterstützte er die nationalsozialistische Bewegung, von der er sich eine Wiedergeburt des deutschen Volkes erhoffte. Dieser Hoffnung gab er u. a. in den Aufsätzen "Der neue Staat und die Intellektuellen" sowie "Kunst und Macht" Ausdruck, er polemisierte auch gegen Schriftsteller, die ins Exil gegangen sind ("Antwort an die literarischen Emigranten"). Doch bald schon zeigte er sich enttäuscht von dem Regime. Seit 1935 war er im militärischen Gesundheitsdienst in Hannover tätig, was er als eine Art "innere Emigration" betrachtete. Zu seinem 50. Geburtstag erschienen seine Ausgewählten Gedichte, die von den Nationalsozialisten als "widernatürliche Schweinereien" abgelehnt wurden. 1938 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Publikationsverbot. Die Jahre 1943-45 verbrachte er in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski). Nach dem Krieg kehrte er nach Berlin zurück und nahm seine ärztliche Praxis wieder auf. Seine späte Lyrik hat die deutsche Nachkriegslyrik nachhaltig beeinflusst. Gleichwohl sparten die aus dem Exil zurückkehrenden deutschen Schriftsteller ihm gegenüber nicht mit Worten der Kritik für sein zeitweiliges Engagement zugunsten der Nazis. In seiner 1950 veröffentlichten Autobiographie Doppelleben nahm Benn Stellung zu diesen Vorwürfen. Ein Jahr später wurde ihm der Georg-Büchner-Preis, 1952 der Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Er starb am 7. Juli 1956 in Berlin.

Übersetzungen einzelner Gedichte Benns erschienen in Polen vor dem Krieg in der expressionistischen Zeitschrift "Zdrój" in Posen wie auch in der Anthologie Liryka niemiecka (1936, Deutsche Lyrik) von Stefan Napierski. Nach dem Krieg haben u. a. Stanis³aw Barañczak, Jacek St. Buras, Andrzej Kopacki, Jan Prokop, Feliks Przybylak, Leszek Szaruga, Witold Wirpsza seine Gedichte übersetzt und über ihren Autor geschrieben. 1982 gab Krzysztof Karasek Benns Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte) in eigener Übersetzung heraus. Benns Prosa und Essayistik ist in dem Band Po nihilizmie (Nach dem Nihilismus, Posen 1998), herausgegeben von Hubert Or³owski, enthalten. U. a. Benn ist Heft 5-6/2006 der Literaturzeitschrift "Literatura na ¶wiecie" gewidmet.

Rezensionen:

1.

2.
Anna Kazimiera Folta, Zurückfinden zu Gottfried Benn (Einsamer nie...), Internetportal e-splot.pl 11.08.2011
3.
Jerzy Sosnowski, Blutunterlaufene Metaphysik, "Gazeta Wyborcza", 5.07.2011
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