Hermann Burger

Erzählungen

Übersetzt und mit einem Nachwort von Jacek St. Buras
Verlag s³owo/obraz terytoria, Gdañsk, 2006, 220 S.
(Originalausgabe: Diabelli, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1979
sowie Blankenburg S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1986)


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(c) Isolde Ohlbaum

Hermann Burger (1942-1989), geboren in Burg (Aargau), Lyriker und Prosaist - in den 80er-Jahren einer der prominentesten deutschsprachigen Autoren seiner Generation - sowie Literaturwissenschaftler und -kritiker. Er studierte Architektur, Germanistik, Kunstgeschichte und Pädagogik an der Universität Zürich.
Bekannt wurde er durch den Roman Schilten. Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz (1976), der in der modernen Schweizer Literatur einen Wendepunkt markiert. Ihrer Bodenständigkeit, ihrem vorbildlichen Ernst sowie ihrer Verbundenheit mit bäuerlichen und bürgerlichen Traditionen stellte der Roman seine gekünstelte Unbekümmertheit, seine provokative Künstlichkeit und seine kreative Verrücktheit entgegen. Gleichzeitig erwies sich Burger als ein wahrer Wortakrobat.
1979 veröffentlichte er mit Diabelli drei Erzählungen in Briefform, in denen sich Vertreter ungewöhnlicher Berufsgruppen an höhere Instanzen wenden - und zwar ein Orchesterdiener, ein Prestidigitateur sowie der Privatsekretär eines exzentrischen "Thanatosophen". Diese Texte, die einem sprachlichen Drahtseilakt gleichkommen, bestätigen nicht nur die Neigung des Autors zu linguistischen Extravaganzen, sondern auch Burgers bereits in Schilten geäußerte extrem pessimistische Bewertung der Chancen für unkonventionelle Individuen in einer normierten Welt. Der bekannte deutsche Kritiker Marcel Reich-Ranicki, ein Bewunderer von Burgers literarischen Schaffen, nannte dessen Haltung "ein universales Gefühl der Katastrophe".
Nur dass die Form, in die der Autor sein katastrophistisches Weltbild zu hüllen scheint - so z.B. in den erwähnten Erzählungen - eine sarkastische Narretei ist, die in seiner Überspanntheit gelegentlich wahnhafte Züge annimmt.

Burger litt über Jahre hinweg an Depressionen, monatelang war er zu keiner schöpferischen Tätigkeit imstande. Obwohl er als Literaturwissenschaftler, Redakteur, Kritiker und zuletzt auch als anerkannter Schriftsteller am literarischen Leben teilnahm, blieb er jedoch bis zum Schluss ein Außenseiter, ein Fremder. Mit den Jahren betrachtete er das Schreiben immer mehr als eine Art Therapie.
Im Roman Künstliche Mutter (1982) thematisiert er sexuelle Probleme, die er, auch sprachlich, in der ihm eigenen extrem extravaganten Form als das Ergebnis einer repressiven christlichen Erziehung und eines Mutterkomplexes darstellte. Ein ums andere Mal versuchte er, mit Hilfe der Presse auf die Gefährdung seiner persönlichen Existenz aufmerksam zu machen - jedoch wurden diese Hilfeschreie für geschmacklose Werbegags gehalten.
Selbst als er ein Jahr vor seinem Tod den Tractatus logico-suicidalis (1988) veröffentlichte, der in der für Burger charakteristischen tragikomischen Weise das Werk von Ludwig Wittgenstein parodiert, schenkte man ihm keinen Glauben. Das sich durch eine enorme Belesenheit auszeichnende Werk, in dem er sich auf so hervorragende Geistesverwandte wie Hölderlin, Kleist, Kafka, Trakl, Klaus Mann, Cioran und Jean Améry bezieht - allesamt Theoretiker und Praktiker des Selbstmordes, wurde von den meisten Rezensenten als der eines Schriftstellers unwürdige Versuch abqualifiziert, mit einer Selbstmorddrohung schockieren zu wollen.

Ein Jahr später, am 28. Dezember 1989, starb Hermann Burger in Brunegg in der Schweiz an einer Überdosis Schlafmittel.

Der nur wenige Tage nach seinem Tod erschienene Roman Brunsleben war Burgers letztes Werk und zugleich erster Teil der geplanten Tetralogie Brenner, die vom Niedergang einer Schweizer Zigarrendynastie handeln sollte und möglicherweise als ironisches Gegenstück zu Thomas Manns Buddenbrooks konzipiert war.
In diesem krankhaft chaotisch geschriebenen Buch, das neben Beiträgen zur Geschichte der Tabakerzeugnisse, insbesondere der Zigarren, denen Burgers besondere Leidenschaft galt, mit unzähligen Anspielungen und literarischen Rätsel gespickt ist, verschwimmt die Grenze zwischen dem Autor und der von ihm erschaffenen Figur, zwischen Autobiografie und Literatur, fast vollständig.
Wie zuvor die meisten Helden seiner monomanischen Prosa, jene tragischen, bzw. tragikomischen Sonderlinge und Besessenen, jene Märtyrer der eigenen Obsessionen und Wahnvorstellungen, die in seinen Büchern in grotesken Redeschwallen zu Tode kommen, erreichte Burger, indem er der letzte Held seiner Erzählung über die Unmöglichkeit des Lebens wurde, in diesem Roman die endgültige Grenze.
Hermann Burger, Laureat zahlreicher Literaturpreise, wurde u.a. mit dem Hölderlin-Preis (1983) und dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1985) ausgezeichnet.

Der Erzählband ist Hermann Burgers erste Buchveröffentlichung auf Polnisch und enthält die drei Erzählungen des Bandes Diabelli sowie eine Erzählung aus dem Band Blankenburg.

Rezensionen:

1.

2.
3.
Magdalena K³osiñska, Ironie und Tod, Literarische Vierteljahresschrift "FA-art", Nr. 2-3/2008
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