Dan Diner

Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung

Übersetzt von Xymena Bukowska. Wydawnictwo Naukowe Scholar, Warszawa 2009, 288 S. (Originalausgabe: Luchterhand Literaturverlag GmbH, München 1999)


Diners Erzähler hat sich auf der historischen Treppe in Odessa niedergelassen und schaut von dort auf das Europa des 20. Jahrhunderts. Er beobachtet vor allem seine östlichen und südlichen Grenzen - Russland, Konstantinopel, Polen und Deutschland sowie den Balkan und Griechenland. Sein Interesse gilt den Nationwerdungen der mittelosteuropäischen Völker, den Balkankriegen, der Revolution in Russland, den Bürgerkriegen in Spanien und Griechenland, dem Polnisch-Sowjetischen Krieg. Er sieht, wie Ereignisse an den Rändern des Kontinents in den anderen Regionen Europas widerhallen und die große Politik beeinflussen, sowohl während des Zweiten Weltkrieges als auch im Kalten Krieg.

Das 20. Jahrhundert schrumpft bei Dan Diner auf seine erste Hälfte zusammen, auf die Hälfte der Katastrophen, die dieses Jahrhundert gezeichnet haben.

In den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt Diner weltanschauliche Gegensätze und widerstreitende Werte: Bolschewismus und Antibolschewismus, Gleichheit und Freiheit, Kommunismus und Kapitalismus, Osten und Westen. Das Streben der Völker nach Selbstbestimmung und deren Nationalismen legen sich über diese Trennlinien. Dort, wo beide Achsen sich berühren, kommt es zu einer Verbindung und gegenseitigen Verstärkung ihrer Wirkungen.

Das Jahrhundert verstehen ist ein historischer Essay, wie er im Buche steht. Diner legt eigene Interpretationen vor, formuliert starke, klare Thesen und wählt sorgfältig seine Themen aus. Dabei geht er auch scheinbaren Abschweifungen nicht aus dem Weg, so zum Beispiel wenn er über die Einführung des Maschinengewehrs schreibt, das im Ersten Weltkrieg im Vergleich zu den berüchtigten Kampfgasen ein Mehrfaches an Opfern forderte.


Foto:
Michal Roche-Ben Ami

Dan Diner wurde 1946 in München geboren. Er wuchs in Israel und Deutschland auf. Er studierte Rechtswissenschaften, Orientalistik und Sozialwissenschaften an der Universität Frankfurt am Main. 1980-85 war er Professor für Moderne Arabische Geschichte an der Universität Odense in Dänemark. 1985 übernahm er den Lehrstuhl für Außereuropäische Geschichte an der Universität Essen. Er war Research Fellow an der Österreichischen Nationalbibliothek und an der Universität Tel Aviv. 1994-99 war er Direktor des dortigen Instituts für deutsche Geschichte. Seit 1999 ist er Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und seit 2001 auch Professor für Europäische Zeitgeschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er befasst sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, des Nahen Ostens, Europas und der Geschichte Deutschlands mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus. In den letzten Jahren veröffentlichte er u. a.: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments (2002), Gedächtniszeichen. Über jüdische und andere Geschichten (2003), Versiegelte Welt. Über den Stillstand in der islamischen Welt (2005), Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust (2007).

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