Jenny Erpenbeck

Heimsuchung

Der Roman erschien in der Übersetzung von Eliza Borg im Mai 2010 beim Verlag W.A.B. in Warschau. 222 S.
(Originalausgabe: Eichborn Verlag, Frankfurt a. Main 2008)


Ein stiller Roman über ein Haus am See in Brandenburg in der Nähe von Berlin. Eine Zeitlang gehörte es der Großmutter der Autorin und war ein außerordentlich wichtiges Element ihres eigenen Lebens - "ihre kleine Heimat". Die Geschichte dieses Hauses und ihrer wechselnden Bewohner während beinahe hundert Jahre - vom Anfang des 20. Jahrhunderts über den ersten und den zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit, die Jahrzehnte der DDR bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands - erzählt die Autorin mit enormer poetischer Kraft und in einer nur ihr eigenen Sprache. Die "kleinen Geschichten" der einzelnen Besitzer des Hauses, ihre Glücksmomente, persönliche Katastrophen und nachbarliche Kleinkriege, sind eingebettet in die "große Geschichte", die um sie herum stattfindet. Bemerkenswert ist die sorgfältig durchdachte Komposition des Romans, in dem die wechselhaften Schicksale der dem Haus am See nahe stehenden Personen, in zwölf Kapiteln klar, aber nicht unbedingt chronologisch erzählt, mit dem "festen Bestandteil" dieses Ortes konfrontiert werden - einem Gärtner, der als stummer Zeuge der Ereignisse mit seiner unveränderlichen Präsenz auf dem Grundstück Menschen und Zeiten miteinander verbindet.

Die Geschichte des Hauses am See ist zum großen Teil authentisch. Die Autorin gab sich viel Mühe, um an Dokumente und Fotos heranzukommen und die tatsächlichen Schicksale der Hausbewohner zu rekonstruieren oder, wenn sie noch lebten, sie zu kontaktieren. Es ist dies aber keine Reportage, sondern eine eigenwillige literarische Vision der vergangenen Zeit. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Jenny Erpenbeck arbeitet, ist die Geschichte eines jüdischen Mädchens, das zusammen mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto kommt und nachher nach Treblinka gelangt. Diesem Mädchen hat die Autorin ihr Buch gewidmet.

Der Roman zeigt in literarisch attraktiver Form zwei Seiten eines universalen Phänomens: er führt die Veränderlichkeit, Unbeständigkeit des Schicksals von Orten und Menschen vor Augen, eine Erfahrung, die insbesondere im 20. Jahrhundert den Bewohnern Europas zuteil wurde, und andererseits bringt er die aus dem Gefühl dieser Unbeständigkeit erwachsende Sehnsucht nach einem eigenen, festen Ort auf Erden zum Ausdruck.


Foto:
schiffer-fuchs/poklekowski

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren, und zwar in einer Familie mit literarischen Traditionen (Schriftsteller sind bzw. sind gewesen ihre Großmutter, Hedda Zinner, ihr Großvater, Fritz Erpenbeck, und auch ihre Eltern). Sie studierte Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie, und arbeitete dann als Regieassistentin und Regisseurin in Österreich und Deutschland. Ihr erstes Buch Die Geschichte vom alten Kind (1999) wurde von manchen Rezensenten als das originellste Debüt des Jahres gerühmt (es ist die ungewöhnliche Geschichte einer Frau, die sich "in ihre Kindheit zurückgeflüchtet hat", was manche Kritiker als eine metaphorische Beschreibung des Bewusstseins der ehem. DDR-Bürger nach der Wiedervereinigung interpretierten). Danach veröffentlichte sie den Erzählband Tand (2001) und 2005 den Kurzroman Wörterbuch (poln. S³ownik, Verlag Czarne 2008). Sie erhielt u. a. den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis (2008), den Solothurner Literaturpreis (2008) und den Hertha-König-Literaturpreis (2008). Sie wohnt in Berlin.

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