Julia Franck

Lagerfeuer

Übersetzt von Krzysztof Jachimczak
Verlag Dom Pod Krakowem, Kraków 2006, 337 S.
(Originalausgabe: DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2003)


Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, Ende der siebziger Jahre: im Niemandsland zwischen Ost und West leben Republikflüchtlinge in einem unfreiwilligen Kollektiv an der Schwelle zu einer neuen Welt, die ihnen den Zutritt (noch) verwehrt. Im Roman Lagerfeuer kreuzen sich die Lebenswege von vier Menschen. Nelly Senff hat mit ihren beiden Kindern nach dem mysteriösen Selbstmord ihres Mannes die Ausreiseerlaubnis aus der DDR erhalten. Sie flüchtet vor den Erinnerungen, die sie zu begraben drohen. Sie sucht einen Ort in einem anderen Land mit derselben Sprache.
Und da ist die Polin Krystina, die ihren schwerkranken Bruder im Westen behandeln lassen will. Für ihn gibt es keine Rettung und so bleibt Krystina allein mit ihrem senilen Vater im Lager zurück. Und Hans Pischke, ein früherer Schauspieler, der in der DDR im Gefängnis sass, weil er eine Lenin-Statue mit roter Farbe übergossen hatte, traut sich aus Angst vor Stasi-Spitzeln nicht aus dem Lager heraus. Pischke hat jede Hoffnung verloren.

Die drei mit so unterschiedlichen Lebensläufen ausgestatteten Lagerbewohner werden von John Bird verhört. Bird arbeitet für die CIA, den amerikanischen Geheimdienst. Seine Aufgabe ist es, in Einzelverhören den Flüchtlingsstatus der Lagerbewohner zu überprüfen und vermeintliche DDR-Spitzel aufzudecken. Aber auch er ist eine unglückliche Figur. Mit seinen Eheproblemen bleibt er in seiner eigenen Beziehungslosigkeit gefangen. Nelly durchschaut als einzige sein Spiel. Der Roman endet offen. Der Weihnachtsbaum, um den sich die Lagerbewohner versammeln, geht in Flammen auf - so wie sich zuvor ihre Hoffnungen aufgelöst haben. Die Zukunft ist ungewiss.

Der Roman Lagerfeuer erinnert einen Literaturkritiker an die frühen Romane von Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen, Alfred Andersch oder Martin Walser - und es sei ein Roman, "spannend wie ein Thriller, vor allem aber: ein Sprachkunstwerk".


Foto: Jürgen Bauer

Julia Franck, 1970 in Ostberlin geboren, reiste mit ihrer Familie 1978 in die Bundesrepublik aus. Ein Dreivierteljahr verbrachte sie dann mit ihrer Mutter im Übergangslager für Flüchtlinge aus dem Osten Berlin-Marienfelde. Danach lebte sie auf dem Lande in Norddeutschland, um mit 14 Jahren allein nach Westberlin zu ziehen. Sie studierte Germanistik und Amerikanistik und arbeitete zugleich als Kellnerin und Pflegeschwester. Ab 1991 arbeitete sie mit dem "Tagesspiegel", ab 1994 mit dem SFB zusammen. 1997 erschien ihr Debütroman Der neue Koch. Bekannt wurde sie, als sie im Jahr 2000 für ihren Erzählband Bauchlandung mit dem 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet wurde. 2004 erhielt sie den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis. Julia Franck lebt heute mit ihren beiden Kindern in Berlin.

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