Julia Franck

Die Mittagsfrau

Der Roman erschien in der Übersetzung von Krzysztof Jachimczak im Verlag W.A.B. in Warschau im März 2010, 431 S.

(Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007)


Ein kleiner Junge wartet auf einer Bahnhofsbank auf seine Mutter, die gegangen ist, um Fahrkarten zu besorgen. So hat sie gesagt. Aber sie kommt nicht zurück. Nie wieder.

Mit einem solchen ergreifenden Präludium beginnt diese Erzählung, die ihren Ursprung in der eigenen Familiengeschichte der Verfasserin hat: Julia Francks Großmutter hat tatsächlich ihren Sohn gegen Kriegsende auf einem Bahnhof zurückgelassen und ist für immer weggegangen. Zwei Generationen später versucht nun ihre Enkelin, sich diese unbegreifliche Tat zu erklären. In einer Rückschau holt sie weit in die Vergangenheit zurück, beschreibt die Kindheit ihrer Großmutter (im Roman trägt diese den Namen Helene) in Bautzen in der Lausitz und ihre Flucht mit einer Schwester aus diesem Provinzstädtchen nach Berlin. In der bewegten, schillernden Welt der Metropole erleben die Frauen die stürmischen Jahre der Zwischenkriegszeit, ihre Niederlagen, aber auch Höhenflüge und Glücksmomente, sie werden Zeugen des aufkommenden Nationalsozialismus. Helene heiratet einen Ingenieur, der ihr zwar hilft, ihre jüdische Identität zu vertuschen, sich aber als ein überzeugter Nazi erweist. In Stettin, wohin man diesen begeisterten Autobahnenbauer delegiert hat, wird Helenes Ehe für sie zur Hölle. Als ihr Mann in den Wirren des Krieges untergeht, zieht Helene mit ihrem kleinen Sohn im Flüchtlingsstrom aus der von der Roten Armee bereits besetzten Stadt in den Westen. Unterwegs trifft sie die zuvor beschriebene Entscheidung.

Julia Franck versucht nicht, deren Ursachen direkt zu erklären, sondern schildert deren Begleitumstände. Es gelingt ihr, ein beeindruckendes Panorama des Lebens gewöhnlicher Menschen in Deutschland zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Zweiten, darunter ein farbiges Bild Berlins der 20er und 30er Jahre, zu zeichnen. Die Weltgeschichte steht in diesem Roman ganz im Hintergrund, sie manifestiert sich nur als eine ferne, wenn auch schmerzlich spürbare Determinante der Schicksale seiner Heldinnen. Denn es sind die Frauen, die ganz eindeutig im Mittelpunkt dieser großartigen Erzählung stehen, welche von einer erstaunlichen Reife des literarischen Könnens der noch jungen Autorin zeugt. Julia Franck bekam für diesen Roman verdientermaßen wohl den wichtigsten deutschen Literaturpreis.


Foto: Jürgen Bauer

Julia Franck, 1970 in Ostberlin geboren, reiste mit ihrer Familie 1978 in die Bundesrepublik aus. Ein Dreivierteljahr verbrachte sie dann mit ihrer Mutter im Übergangslager für Flüchtlinge aus dem Osten Berlin-Marienfelde. Danach lebte sie auf dem Lande in Norddeutschland, um mit 14 Jahren allein nach Westberlin zu ziehen. Sie studierte Germanistik und Amerikanistik und arbeitete zugleich als Kellnerin und Pflegeschwester. Ab 1991 arbeitete sie mit dem "Tagesspiegel", ab 1994 mit dem SFB zusammen. 1997 erschien ihr Debütroman Der neue Koch, 1999 der Roman Liebediener. Bekannt wurde sie, als sie im Jahr 2000 für ihren Erzählband Bauchlandung mit dem 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet wurde. 2003 publizierte sie den Roman Lagerfeuer (der - von Krzysztof Jachimczak ins Polnische übersetzt - 2006 im Verlag "Dom pod Krakowem" unter dem Titel Berlin-Marienfelde im Rahmen der Reihe SCHRITTE/KROKI erschienen ist). 2004 erhielt sie den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und 2007 für den Roman Die Mittagsfrau den Deutschen Buchpreis. Julia Franck lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin.

Rezensionen:

1.
Piotr Buras, Lieblose Liebesbande, "Gazeta Wyborcza", 3.08.2010.
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