Max Frisch

Tagebuch
1946-1949
1966-1971

Das Buch erschien in der Übersetzung von Jakub Ekier (Tagebuch 1946-1949) und Krzysztof Jachimczak (Tagebuch 1966-1971) im Verlag W.A.B. in Warschau im Mai 2015, 687 Seiten.
(Originalausgabe: Tagebuch 1946-1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1950, Tagebuch 1966-1971, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972)

In den Jahren 1946-1949 war Max Frisch noch als Architekt tätig, er besaß ein eigenes Projektierungsbüro, daneben gab er in Reportagen - und im Tagebuch - seiner literarischen Passion Ausdruck. In den Jahren 1966-1971 war er bereits ein berühmter Schriftsteller, Autor von Theaterstücken, die in der ganzen Welt aufgeführt, und von Romanen, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Liest man seine beiden Tagebücher, die hier in einem Band herausgegeben wurden, kann man sich fragen, ob nicht gerade diese freie Form, die sich um die Gattungsregeln nicht schert, die interessantesten und originellsten Seiten seines Schaffens vor uns aufdeckt. In jedem Fall lesen sich die Tagebücher hervorragend. Beide bestehen aus sehr heterogenen Aufzeichnungen. Da gibt es Pressedokumente und private Überlegungen zu aktuellen Ereignissen, persönliche Bekenntnisse, blitzlichtartig registrierte Szenen aus dem täglichen Leben, Konzepte und ausgebaute Skizzen von Fabeln und Dramen. Scheinbar ein Chaos, scheinbar ein Nebeneinander von zufälligen und zusammenhanglosen Materialien, und dennoch alles eingeschlossen in eine präzise literarische Form, alles durchdacht. Der trockene Bericht eines Zeitzeugen gewinnt, mit dem für Frisch so charakteristischen Sinn fürs Groteske gewürzt, an Leben und Schärfe - wie in dem famosen Bericht vom Intellektuellen-Kongress in Breslau (1948) oder von dem Besuch im Weißen Haus in Washington (1970). Zwischen Verhör, soziologischer Umfrage und dem Sofa eines Psychoanalytikers oder dem Beichtstuhl situiert sich der "Fragebogen", eine eigensinnige, denn auf Fragen gestützte Erzählform, von Frisch erfunden und meisterlich gehandhabt. Eine unschätzbare Fundgrube für Leser, die sich für das öffentliche Leben interessieren, wie auch für solche, die persönliche Eingeständnisse schätzen. Alle, die es lieben, die Literatur auf frischer Tat zu ertappen, werden auf ihre Kosten kommen.


Foto: Andrej Reiser

Max Frisch wurde 1911 in Zürich geboren. Seit 1931 studierte er Germanistik, publizierte Reportagen und Feuilletons, aus den dreißiger Jahren stammen auch seine ersten literarischen Versuche, die ihr Autor später sehr kritisch beurteilt und nicht wieder veröffentlicht hat. In den Jahren 1934-1940 studierte er Architektur. Er gründete ein Architekturbüro und realisierte einige eigene Projekte, ohne das Schreiben einzustellen. 1945 fand im Zürcher Schauspielhaus die Uraufführung seines Theaterstückes Nun singen sie wieder statt, das sich mit dem Trauma des Krieges auseinandersetzt und bald auch auf deutschen Bühnen nachgespielt wurde. 1950 erschien Tagebuch 1946-1949, 1953 wurde sein Stück Don Juan oder die Liebe zur Geometrie (umgeschrieben dann 1962, poln. Uraufführung im selben Jahr, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz) uraufgeführt. Ein Jahr später wurde sein Roman Stiller (poln. 1960, Ü: Jacek Frühling) von Rezensenten lobgepriesen - nach diesem Erfolg widmete sich Frisch ganz dem literarischen Schaffen. Weitere Prosawerke und Dramen fanden sowohl die Anerkennung der Kritik, wie auch wohlwollende Aufnahme bei den Lesern und Zuschauern: Biedermann und die Brandstifter (1958, poln. Uraufführung 1959, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz) und Andorra (1961, poln. Uraufführung 1962, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz), der Roman Mein Name sei Gantenbein (1964, poln. 1965, Ü: Jacek Frühling), das Theaterstück Biographie. Ein Spiel (1967, poln. Uraufführung 1972, Ü: Jacek Frühling), die Erzählung Montauk (1975, poln. 1978, Ü: Stanis³aw Ko³odziejczyk), Der Mensch erscheint im Holozän (1979, poln. Ausgabe im Band Sinobrody, 2002, Ü: Krzysztof Jachimczak), das Theaterstück Tryptychon (1979, poln. Uraufführung 1980, Ü: Zbigniew Herbert). Frisch hatte ein ausgezeichnetes Gefühl für die Fallen der modernen Zivilisation, mit der Kälte eines Chirurgen analysierte er die Probleme der Identität und die Verwicklungen der zwischenmenschlichen Beziehungen. Er schuf eine eigene originelle Erzählart, die sich sozusagen über Abgründe hinwegsetzte, um deren schauerliche Tiefe umso überzeugender vor Augen zu führen. In seinen Anschauungen stand er der Sozialdemokratie nahe. Ohne sich auf seine Rolle als scharfsinniger Zeitzeuge zu beschränken, engagierte er sich politisch, kritisierte scharf die Schweizer Gesellschaft und Regierung. Er führte ein bewegtes Leben, reiste viel, eine jeweils längere Zeit lebte er in Rom, in Berlin, in New York. Er war zweimal verheiratet, zeitweilig pflegte er intensive informelle Beziehungen. Preisträger vieler Preise, darunter des Georg-Büchner-Preises (1958), des Preises der Stadt Jerusalem (1965), des Großen Schiller-Preises (1974), des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1976), des Heinrich-Heine-Preises der Stadt Düsseldorf (1989). Max Frisch starb 1991 in Zürich.

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