Max Frisch

Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Das Buch erschien in der Übersetzung von Ma³gorzata £ukasiewicz im Verlag W.A.B. in Warschau im Juni 2015, 204 Seiten.
(Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 2010)

Die Tagebuchaufzeichnungen, die den Inhalt dieses Buches bilden, umfassen die Zeitspanne vom Februar 1982 bis zum April 1983. Das Manuskript wurde im Max-Frisch-Archiv entdeckt und neunzehn Jahre nach dem Tode des Schriftstellers mit einem Nachwort des Herausgebers, Peter von Matt, veröffentlicht. Wie in den beiden früheren Tagebüchern von Frisch wechseln auch hier verschiedene Erzählfäden und Themen ab. Der Schriftsteller beobachtet aufmerksam sich selbst, seine Nächsten und die Welt, analysiert aus kühler Distanz Vorkommnisse, die ihn lebhaft interessieren. Seine damalige Lebensgefährtin, die Amerikanerin Alice Locke-Carey, ist unter dem Namen Lynn als Heldin der Erzählung Montauk bekannt. Frisch notiert Kleinigkeiten aus ihrem gemeinsamen Leben zwischen New York, Zürich und Berzona. Er zögert nicht, auch das ans Tageslicht zu ziehen, was den unvermeidlichen Zerfall der Verbindung ankündet und besiegelt. Wie immer sind es öffentliche Belange, die die Aufmerksamkeit des Schriftstellers erregen, darunter die Politik der Großmächte, die er gnadenlos verurteilt. Mit derselben Aufmerksamkeit verfolgt Frisch intensiv Symptome von Gewalt in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Deutlich sichtbar zieht sich durch diese Aufzeichnungen das Motiv des Alterns. Der siebzigjährige Frisch ringt mit seinen Schwächen und Untugenden, mit seinem Alkoholismus. Er versucht, eine private und schriftstellerische Bilanz zu ziehen. Aber er lässt es nicht dabei bewenden. Er geht weiter, versucht sozusagen, der Zeit zuvorzukommen, bewusst der allerletzten Erfahrung entgegenzutreten. Die Reise nach Ägypten mit dem unheilbar kranken Freund, das Ausharren bei dessen Abgang, der Alltag, von den Schatten vieler gestorbenen Nächster begleitet - ein ungewöhnlicher zeitgenössischer Todestanz. Und es ist kein Widerspruch, dass Frisch zwischen solchen Überlegungen etwas märchenhafte, aber sehr konkrete Pläne eines Hauses entwickelt, in das er gern noch einziehen würde.


Foto: Andrej Reiser

Max Frisch wurde 1911 in Zürich geboren. Seit 1931 studierte er Germanistik, publizierte Reportagen und Feuilletons, aus den dreißiger Jahren stammen auch seine ersten literarischen Versuche, die ihr Autor später sehr kritisch beurteilt und nicht wieder veröffentlicht hat. In den Jahren 1934-1940 studierte er Architektur. Er gründete ein Architekturbüro und realisierte einige eigene Projekte, ohne das Schreiben einzustellen. 1945 fand im Zürcher Schauspielhaus die Uraufführung seines Theaterstückes Nun singen sie wieder statt, das sich mit dem Trauma des Krieges auseinandersetzt und bald auch auf deutschen Bühnen nachgespielt wurde. 1950 erschien Tagebuch 1946-1949, 1953 wurde sein Stück Don Juan oder die Liebe zur Geometrie (umgeschrieben dann 1962, poln. Uraufführung im selben Jahr, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz) uraufgeführt. Ein Jahr später wurde sein Roman Stiller (poln. 1960, Ü: Jacek Frühling) von Rezensenten lobgepriesen - nach diesem Erfolg widmete sich Frisch ganz dem literarischen Schaffen. Weitere Prosawerke und Dramen fanden sowohl die Anerkennung der Kritik, wie auch wohlwollende Aufnahme bei den Lesern und Zuschauern: Biedermann und die Brandstifter (1958, poln. Uraufführung 1959, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz) und Andorra (1961, poln. Uraufführung 1962, Ü: Irena Krzywicka und Jan Garewicz), der Roman Mein Name sei Gantenbein (1964, poln. 1965, Ü: Jacek Frühling), das Theaterstück Biographie. Ein Spiel (1967, poln. Uraufführung 1972, Ü: Jacek Frühling), die Erzählung Montauk (1975, poln. 1978, Ü: Stanis³aw Ko³odziejczyk), Der Mensch erscheint im Holozän (1979, poln. Ausgabe im Band Sinobrody, 2002, Ü: Krzysztof Jachimczak), das Theaterstück Tryptychon (1979, poln. Uraufführung 1980, Ü: Zbigniew Herbert). Frisch hatte ein ausgezeichnetes Gefühl für die Fallen der modernen Zivilisation, mit der Kälte eines Chirurgen analysierte er die Probleme der Identität und die Verwicklungen der zwischenmenschlichen Beziehungen. Er schuf eine eigene originelle Erzählart, die sich sozusagen über Abgründe hinwegsetzte, um deren schauerliche Tiefe umso überzeugender vor Augen zu führen. In seinen Anschauungen stand er der Sozialdemokratie nahe. Ohne sich auf seine Rolle als scharfsinniger Zeitzeuge zu beschränken, engagierte er sich politisch, kritisierte scharf die Schweizer Gesellschaft und Regierung. Er führte ein bewegtes Leben, reiste viel, eine jeweils längere Zeit lebte er in Rom, in Berlin, in New York. Er war zweimal verheiratet, zeitweilig pflegte er intensive informelle Beziehungen. Preisträger vieler Preise, darunter des Georg-Büchner-Preises (1958), des Preises der Stadt Jerusalem (1965), des Großen Schiller-Preises (1974), des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1976), des Heinrich-Heine-Preises der Stadt Düsseldorf (1989). Max Frisch starb 1991 in Zürich.

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