Wilhelm Genazino

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Das Buch erschien in der Übersetzung von Alicja Buras im Verlag Oficyna Wydawnicza Atut in Wroc³aw im Mai 2006, 134 S.
(Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2003)


Der 2003 erschienene Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman von Wilhelm Genazino - das Buch ist prädestiniert dafür, als erstes Werk des Autors in Polen vorgestellt zu werden, weil es der früheste Roman ist in der Biografie des Helden, der bei Genazino im Grunde immer der gleiche ist - erzählt von den Abenteuern eines ins Erwachsenenleben eintretenden jungen Mannes, dessen Ambitionen im Titel des Werkes formuliert sind. Die in diesem Buch angewandte literarische Methode ist eine ähnliche wie in seinen früheren Romanen.

Angefangen mit Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz (1989) sind alle Romane von Wilhelm Genazino nach demselben einfachen, trotzdem aber originellen Muster gestrickt: Der Ich-Erzähler, ein einsamer Mann und Altersgenosse des Autors, der ein ruhiges Leben führt und in jedem Roman einer anderen, manchmal nur schwer genauer zu bestimmenden Tätigkeit nachgeht, die meiste Zeit aber durch die Stadt spaziert, beobachtet das Alltagsleben um ihn herum und registriert verschiedene, meist unspektakuläre Kleinigkeiten, die in der Regel von anderen nicht bemerkt werden.
Die Schilderungen dieser Beobachtungen wirken allein schon durch den Kontrast zwischen der Gewöhnlichkeit des Beobachtungsobjekts und der konzentrierten Aufmerksamkeit, die ihm der Erzähler widmet, grotesk-komisch und sind im Weiteren häufig Ausgangspunkt für selbstironische Reflexionen sowie Überlegungen über das Leben und die Welt. Gegenstand der Beobachtung - vielleicht sogar der wichtigste - ist aber auch der Beobachter selbst, der seine Reaktionen und Empfindungen bis ins Kleinste analysiert und versucht, sich so ein Bild von der eigenen Identität zu machen.

In dem erwähnten Roman Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz flaniert zum Beispiel der Erzähler, der einen schwer definierbaren, zweifellos jedoch künstlerischen oder literarischen Beruf ausübt, durch die Stadt (sicherlich handelt es sich bei ihr um Frankfurt am Main), begegnet Bekannten, kehrt in verschiedenen Lokalen ein, liest unterwegs in den Tagebüchern des Malers Max Beckmann und beobachtet fortwährend kleine Ereignisse sowie die eigenen Reaktionen darauf. Er und seine Freundin Gesa beschließen nach Wien zu fahren, wo sie u.a. Mozarts Wohnung, das Museum der modernen Kunst, das Palais Wittgenstein und das Sterbezimmer Kafkas besichtigen.
Diese Besuche liefern jedoch nur den Vorwand für weitere Beobachtungen, Wahrnehmungen und Überlegungen. Die nächsten Stationen ihrer Reise sind Paris und Amsterdam (hier besucht das Paar u.a. das Haus, in dem Max Beckmann als Emigrant gelebt hat), wonach sie in die Stadt zurückkehren, aus der sie kamen. Der Erkenntniswert des Romans ist, obwohl die dünne Handlung in vier berühmten europäischen Metropolen spielt, im Grunde minimal. Sein Stoff sind vor allem die vom Erzähler gemachten Wahrnehmungen des Alltags und die nebenbei gesponnenen Reflexionen.

Dieses notorische Spannen und Kommentieren des normalen Lebens ermüdet merkwürdigerweise nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Genazinos Romane viele treffende und überraschende Beobachtungen beinhalten, die den Leser für die Wirklichkeit seiner unmittelbaren Umgebung sensibilisieren und ihn mit einer Persönlichkeit konfrontieren, die - wie vielleicht mancher Leser - nicht frei von Zwangsvorstellungen, Komplexen, Schwächen, Gewissensbissen und Hilflosigkeit ist. Auch darauf beruht die Originalität dieser Prosa: Sie konstruiert aus kleinen Ereignissen des gewöhnlichen Lebens und ihrem ungewöhnlich intensiven Erleben eine interessante und lebendige Erzählung.


Foto: Brigitte Friedrich

Wilhelm Genazino (geb. 1943 in Mannheim) arbeitete nach dem Gymnasium als freiberuflicher Journalist, später als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften (u.a. für die Wochenzeitschrift "Pardon"). Seit 1971 arbeitet er als freier Schrif1steller. Von 1980-1986 war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "Lesezeichen". Er lebt in Frankfurt am Main. Zu seinem Werk gehören etwa zehn Romane, darunter - neben den oben genannten - Abschaffel. Eine Trilogie (1977), Ein Regenschirm für diesen Tag (2001) und, zuletzt erschienen, Die Liebesblödigkeit (2005). Er wurde mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen bedacht, u.a. dem Bremer Literaturpreis (1990), dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1993) und dem Georg-Büchner-Preis (2004).

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