Erich Hackl

Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit

Das Buch erschien in der Übersetzung von Alicja Buras im Verlag Austeria, Krakau, im Herbst 2006, 186 S.
(Originalausgabe: Diogenes Verlag Zürich 2002)


Diese Geschichte ist eine wahre Begebenheit: Am 18. März 1944 um 11 Uhr wurden im Standesamt des KZ Auschwitz der Häftling Nr. 25173, der Österreicher Rudi Friemel, von Beruf Mechaniker, und die Spanierin Margarita Ferrer, die eigens für einen Tag und eine Nacht aus Deutschland angereist war, wo sie Zwangsarbeit verrichtete, getraut. Sie hatten sich in Spanien kennen gelernt, wo Friemel während des Bürgerkriegs in den Internationalen Brigaden gegen die Rebellen des General Franco kämpfte. Nach der Niederlage der republikanischen Armee flüchteten beide auf getrennten Wegen nach Frankreich, wo sie sich in einem Internierungslager wiederbegegneten. Kurz darauf, Margarita war inzwischen schwanger, wurden sie erneut getrennt und durchliefen anschließend mehrere Lager und Gefängnisse.
Margarita landet zum Schluss als Zwangsarbeiterin in Deutschland, Friemel wird zuletzt nach Auschwitz ins KZ gebracht, wo er schnell zu einer wichtigen Figur des Lagerwiderstands aufsteigt. Ungeachtet der Umstände, unternimmt er dort den scheinbar wahnwitzigen Versuch, seine Verbindung mit Margarita zu legalisieren - und sei es unter Lagerbedingungen. Am Ende erreicht er, was er will. Der Erfolg bewegt ihn dazu, aus dem Lager zu flüchten - doch diesmal scheitert der Versuch. Am 30. Dezember 1944 wird er in seinem Hochzeitshemd mit vier weiteren geflohenen Gefangenen gehängt. Margarita und ihr Kind haben den Krieg überlebt.
Hackls Buch, das Merkmale einer literarischen Reportage aufweist, ist eine Montage scheinbar authentischer, in Wirklichkeit aber fiktiver Äußerungen von "Zeitzeugen", die vom Autor nicht kommentiert werden. Den Versuch, die bereits relativ lang zurückliegenden Geschehnisse zu rekonstruieren, unternimmt nach dem Willen des Autors als Ich-Erzählerin die Schwester von Margarita Ferrer. Sie ruft eigene Erinnerungen ins Gedächtnis zurück, sucht einzelne Stationen von Margaritas und Rudis Odyssee durch Europa auf, durchforstet Archive und zitiert aus Dokumenten. Vor allem aber führt sie - einander manchmal widersprechende - Aussagen von Zeugen an.
Angeblich trug sich Erich Hackl fünfzehn Jahre mit dem Gedanken, das Schicksal dieser ungewöhnlichen Liebe zweier Menschen unter extrem widrigen Bedingungen zu beschreiben, wobei ihm klar gewesen sein dürfte, dass die vollständige Rekonstruktion der Wahrheit in diesem Fall ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dank der von Hackl gewählten literarischen Methode - der Gegenüberstellung verschiedener Berichte, in denen die authentischen Ereignisse durch fiktive Details, die wahr gewesen sein könnten, vervollständigt werden - gelang es ihm, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten, auf undramatische, fast emotionsfreie, und dadurch umso ergreifendere Weise eine außergewöhnliche Geschichte aus den "Zeiten der Verachtung" zu erzählen.


Foto: Timón Solinis

Erich Hackl (geb. 1954 in Steyr/Oberösterreich) studierte Hispanistik und Germanistik in Salzburg und Malaga. Seit 1976 veröffentlicht er regelmäßig in der linken Zeitschrift "Wiener Tagebuch". Seit 1983 arbeitet er als freier Schriftsteller. Er ist Autor von Erzählungen, Kinderbüchern, Hörspielen, Drehbüchern und Übersetzer iberischer und iberoamerikanischer Literatur. Er veröffentlichte u.a.: Abschied von Sidonie (1989), Sara und Simón (1995), Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen (2004). Er wurde mit zahlreichen Literatur-, Übersetzer- und Filmpreisen ausgezeichnet.

Rezensionen:

1.

Barbara Gruszka, Drei Herren aus Krakau, Wochenschrift "Go¶æ Niedzielny", 5.11.2006

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