Wolfgang Hilbig

"Ich"

Übersetzt von Ryszard Wojnakowski
Oficyna Wydawnicza Atut Wroc³aw 2006, 294 S.
(Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1993)


Wolfgang Hilbig stellt Gewissheiten in Frage. Im Roman "Ich" erzählt er nicht etwa aus der Perspektive eines Opfers, sondern mit der Stimme eines Spitzels die Geschichte des Stasi-Spitzels M. W. mit dem Decknamen "Cambert". Das zwischen zwei Anführungszeichen gesetzte "Ich" bewegt sich in der Welt der untergegangenen DDR.
Cambert wird auf einen Autor namens "Reader" angesetzt - einen Autor, der avantgardistische Texte im Stil von Samuel Beckett schreibt und der nie beabsichtigt, seine Texte zu veröffentlichen - , und es wird allmählich klar, dass M. W. selbst schriftstellerische Ambitionen hat. Camberts Observationen laufen ins Leere.
Die Lektüre des Romans legt die Frage nahe, ob hier eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet: spielt Hilbig etwa satirisch mit der Möglichkeit, selbst Spitzel zu sein? Gibt es zwischen der Arbeit eines Autors und der eines geheimdienstlichen Informanten Gemeinsamkeiten?

Das Ich, Cambert und M. W. bewegen sich in den Jahren unmittelbar vor dem Zusammenbruch der DDR in Kneipen und vor allem im Kellergewirr des ehemaligen Ost-Berlin, einer Topographie des modrigen Verfalls. In dieser Unterwelt, sich wie ein Maulwurf bewegend, reflektiert M. W. sein bisheriges Leben und sieht dem Ende seiner Welt entgegen.

"Ich" ist kein Agentenroman im vordergründigen Sinn, sondern ein geglückter Versuch, die Verwicklungen, Verführungen und Verwerfungen von Geist und Macht darzustellen und den Leser in seinen Gewissheiten aufzustören.


Foto: Jürgen Bauer

Wolfgang Hilbig (geb. 1941 in Meuselwitz bei Leipzig, gest. am 2.06.2007 in Berlin) wuchs im Haus seines aus Polen ins sächsische Braunkohlengebiet eingewanderten Grossvaters auf. Er absolvierte eine Dreherlehre, war Werkzeugmacher, Hilfsschlosser, Abräumer in einer Ausflugsgaststätte und von 1970 an zehn Jahre lang Heizer in Meuselwitz und Ost-Berlin. Von 1981 an lebte er als freier Schriftsteller, 1985 übersiedelte er in die Bundesrepublik. Hilbig bildete sich autodidaktisch in den Zirkeln schreibender Arbeiter und in Lyrik-Seminaren. Mehrfach wegen politischer Äusserungen von solchen Veranstaltungen ausgeschlossen, gab er den Versuch auf, innerhalb der DDR als Autor zu reüssieren. 15 Jahre schrieb er für die Schublade. Die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes abwesenheit in der Bundesrepublik sollte durch die Verhaftung des Autors verhindert werden.
Hilbig war vor allem mit seinen Erzählungen (u.a. Die Weiber, Alte Abdeckerei, Die Angst vor Beethoven, Aufbrüche) bekannt geworden. Er war - nach dem Wort eines Kritikers - "Experte für Verunsicherungen der verschiedenen Art", sein Augenmerk "gilt dem Ungewissen, sein Ehrgeiz dem Versuch, es zu formulieren".
Wolfgang Hilbig wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Kranichsteiner-Literaturpreis (1987), dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1989), dem Berliner Literatur-Preis (1992), dem Bremer Literatur-Preis (1994), dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen (1997) und dem Georg-Büchner-Preis (2002).

projekt | bucher/autoren | veranstaltungen | informationen | medienecho | links | kontakt