Wolfgang Hilbig

Das Provisorium

Der Roman erschien in der Übersetzung von Ryszard Wojnakowski bei Oficyna Wydawnicza "Atut" in Breslau im Mai 2008. 273 S.
(Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2000)


Wolfgang Hilbig
ist ein Experte für Verunsicherungen und Irritationen: in den achtziger Jahren erhält ein Schriftsteller aus Leipzig die Erlaubnis, für eine befristete Zeit die DDR zu verlassen. Zunächst scheint das Visum nichts anderes denn als Glücksfall der Bewegungsfreiheit darzustellen. Aber der Glücksfall gerät zur Katastrophe. Kopflos rast C., der Schriftsteller, zwischen Hanau, Nürnberg, Leipzig, München und Berlin herum. Bahnhofspelunken werden seine bevorzugten Herbergen. Er leidet unter dem Ideologiewahn der DDR und dem Konsum- und Warenirrsinn der Bundesrepublik. Die Koordinaten, die ein Mensch für seine Identität braucht, brechen ein. Eine Liebesgeschichte, die C. in Nürnberg beginnt, macht alles nur noch schlimmer. Er befindet sich nun auch noch zwischen zwei Frauen.

Hilbig lässt in seinem Roman kaum einen Stein auf dem anderen. Er schildert eine Welt des Argwohns und der Täuschungen, eine Welt, in der sich Wahn, Wirklichkeit und Traum untrennbar vermischen. Es gibt nichts, was stabil und verlässlich wäre. Unser Bild von der Realität ist Vereinbarungssache, und Wolfgang Hilbig hat diese Vereinbarungen aufgekündigt. Ihn interessiert, was hinter ihren Rändern zum Vorschein kommt. Ihm geht es um das Beiseitegeschobene, das Übergangene.

Das Provisorium ist eine Art episches Theater, in dem die Sprache ständig die Tonlagen wechselt - zwischen Betroffenheit und ironischer Distanz. Der Roman wurde von der Kritik gefeiert und als geradezu "ungeheures Erzählwerk" gelobt.


Foto: Jürgen Bauer

Wolfgang Hilbig (geboren 1941 in Meuselwitz, gestorben 2007 in Berlin) wuchs im Haus seines aus Polen ins sächsische Braunkohlengebiet eingewanderten Grossvaters auf. Er absolvierte eine Dreherlehre, war Werkzeugmacher, Hilfsschlosser, Abräumer in einer Ausflugsgaststätte und von 1970 an zehn Jahre lang Heizer in Meuselwitz und Ost-Berlin. Von 1981 an lebte er als freier Schriftsteller, 1985 übersiedelte er in die Bundesrepublik. Hilbig bildete sich autodidaktisch in den Zirkeln schreibender Arbeiter und in Lyrik-Seminaren. Mehrfach wegen politischer Äusserungen von solchen Veranstaltungen ausgeschlossen, gab er den Versuch auf, innerhalb der DDR als Autor zu reüssieren. 15 Jahre schrieb er für die Schublade. Die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes abwesenheit in der Bundesrepublik sollte durch die Verhaftung des Autors verhindert werden.
Hilbig ist vor allem mit seinen Erzählungen (u.a. Die Weiber, Alte Abdeckerei, Die Angst vor Beethoven, Aufbrüche) bekannt geworden. Er ist - nach dem Wort eines Kritikers - "Experte für Verunsicherungen der verschiedenen Art", sein Augenmerk "gilt dem Ungewissen, sein Ehrgeiz dem Versuch, es zu formulieren". In seinem bekanntesten Roman "Ich", dem ersten seiner Bücher, das auf Polnisch erschien (in der Übersetzung von Ryszard Wojnakowski, Oficyna Wydawnicza "Atut", Breslau 2006, Reihe SCHRITTE/KROKI), erzählt er die in der Landschaft der gewesenen DDR spielende Geschichte eines gewissen M. W., der von einem Agenten der STASI angeworben wird. "Ich" ist jedoch kein Agentenroman im vordergründigen Sinn, sondern ein geglückter Versuch, die Verwicklungen, Verführungen und Verwerfungen von Geist und Macht darzustellen.
Wolfgang Hilbig wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Kranichsteiner-Literaturpreis (1987), dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1989), dem Berliner Literatur-Preis (1992), dem Bremer Literatur-Preis (1994), dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen (1997) und dem Georg-Büchner-Preis (2002).

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