Edgar Hilsenrath

Das Märchen vom letzten Gedanken

Der Roman erschien in der Übersetzung von Ryszard Wojnakowski im Verlag "Ksi±¿nica" in Kattowitz 2005, 462 S.
(Originalausgabe: Dittrich-Verlag, Köln; erste Ausgabe: R. Piper GmbH & Co. KG 1989)


"Ich bin der Märchenerzähler in Deinem Kopf. Nenne mich Meddah. Und nun sei ganz still Thovma Khatisian..." So beginnt Edgar Hilsenraths Das Märchen vom letzten Gedanken, das aber keineswegs von märchenhaften Begebenheiten erzählt, sondern ein historischer Roman über durchaus reale Ereignisse ist. Thovma Khatisian soll still sein, denn der Meddah will ihm die Geschichte seines Volkes, die Geschichte der Armenier, erzählen, die am Fuße des Berges Ararat beginnt, wo nach der Sintflut die Arche Noahs zu stehen kam, bis hin zum ersten Weltkrieg, wo nach dem Ausbruch des russisch-türkischen Krieges im Jahre 1915 die Türken der mehrere Millionen zählenden armenischen Bevölkerung ein Schicksal bereitet haben, das mit dem Schicksal der Juden ein Vierteljahrhundert später verglichen werden kann.
Insbesondere erfährt Thovma von den dramatischen Erfahrungen seines Vaters, Warthan Khatisian, der - von den Türken verhaftet und gefoltert - wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkommt, in den Reihen der Roten Armee kämpft, nach Sibirien und von dort in die Schweiz gelangt, um 1940 mit seinem Schweizer Paß sich nach Polen zu begeben, wo er das jüdische Besitz in Sicherheit bringen soll.
Da er aber seinen Paß verliert, landet Warthan Khatisian in Auschwitz (denn es ist schwer, einen Armenier von einem Juden zu unterscheiden) und beendet seine irdische Wanderung in der Gaskammer. Hier endet auch die Erzählung des Meddah, die voller Dramatik, aber auch voller Humor und mit vielen Farben schillernd daherkommt, mit drastischen Beschreibungen grausamer Folter und anderer Gewalttaten nicht spart, aber auch tief in die Welt der armenischen Kultur führt. Der Roman entreißt der Vergessenheit ein sehr konkretes Ereignis der Geschichte und ist eine Art Huldigung des Autors, der selber dem Schicksal des Warthan Khatisian nur durch ein Wunder entkommen ist, an die Opfer der "Endlösung der armenischen Frage".
Hilsenrath läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die damaligen türkischen Behörden die Verantwortung für diesen ersten Holocaust in der Geschichte der Menschheit tragen. Gleichzeitig gibt er zu verstehen, daß die Tragödie der Armenier in den Jahren des ersten Weltkrieges für ihn nichts Aussergewöhnliches ist, im Gegenteil, er sieht darin ein eigenartiges historisches Paradigma, nicht nur - jedoch vor allem - des 20. Jahrhunderts.


Foto: Volker Dittrich

Edgar Hilsenrath wurde 1926 in Leipzig in einer jüdischen Familie geboren. 1938 floh seine Mutter mit ihm nach Rumänien. 1941 wurde er von dort in ein jüdisches Getto im ukrainischen Mohylew deportiert. Seine Kriegserlebnisse hat er in dem Roman Nacht (1964) beschrieben. Nach dem Krieg wanderte er nach Palästina und von dort Anfang der fünfziger Jahre in die USA aus. Seit den siebziger Jahren lebt er in Deutschland. Bis dahin erschienen seine Bücher nur in Übersetzungen, vor allem ins Englische. In den achtziger Jahren gehörten sie, vor allem in den USA, zu den Klassikern der Literatur des Undergrounds. In Polen ist er als Verfasser des hinterlistig satirischen Romans Der Nazi und der Friseur (1977, poln. Ausgabe 1994, übersetzt von Ryszard Wojnakowski) bekannt. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören Gib acht, Genosse Mandelbaum (1979), Bronskys Geständnis (1980), Zibulsky oder Antenne im Bauch (1983), Moskauer Orgasmus (1992), Jossel Wassermanns Heimkehr (1993), Die Abenteuer des Ruben Jablonsky (1997). Für Das Märchen vom letzten Gedanken (1989) erhielt er im gleichen Jahr den Alfred Döblin-Preis.

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