Gert Hofmann

Der Blindensturz

Übersetzt von Jacek St. Buras

Pañstwowy Instytut Wydawniczy Warszawa, Juni 2005, 128 S.
(Originalausgabe: Carl Hanser Verlag München und Wien;
Erstveröffentlichung: Luchterhand Darmstadt 1985)


Laßt sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube", sagt Jesus über die Pharisäer (Mt 15). 1500 Jahre später hat Pieter Bruegel auf dem berühmten Bild, das heute in Neapel hängt, sechs blinde Männer in den armseligen Kleidern des 16. Jhs. gemalt, wie sie sich an den Händen haltend einer nach dem andern sich einen Graben entlang in der düsteren Landschaft von Brabant vorwärtstasten. Der erste der Gehenden liegt bereits im Graben, der nächste fällt gerade hinein und er wird unweigerlich auch den dritten, der sich am Stock des Vorgängers festhält, mit hineinziehen. Aber das werden wir nicht mehr sehen, denn der Künstler hat nur einen Augenblick des Ereignisses festgehalten und seine Vorgeschichte sowie seine Folgen der Phantasie des Betrachters überlassen.
Wer die von Bruegel gemalten "Blinden" gewesen sein mochten und wie es zur Entstehung dieses Bildes hat kommen können, darüber erzählt auf faszinierende Weise der 1985 geschriebene Roman Gert Hofmanns. Der Blindensturz ist ein ungewöhnlicher Bericht über die Ereignisse eines einzigen Tages, als ein Grüppchen durch das Land ziehender blinder Bettler für ein paar Löffel Suppe bereit ist, einem für sie unsichtbaren Maler Modell zu stehen.
Die Aura dieses Romans rekonstruiert vortrefflich das strenge Klima des Bruegelschen Meisterwerkes. Mit sparsamen und zugleich sehr suggestiven Mitteln entwirft der Autor eine Welt der Empfindungen der Blinden und erzählt die individuelle, ergreifende Geschichte eines jeden von ihnen. Zugleich läßt er die Wirklichkeit des 16. Jhs. vor uns entstehen, soweit die Blinden sich diese vermittels des Gehörs, des Geruch- und Tastsinns vorstellen können. Die Ungewöhnlichkeit dieser Perspektive und die Konsequenz, mit der der Verfasser sich in seine blinden Helden versetzt, machen die Lektüre dieses Buches zu einem Erlebnis.


Foto: Ursula Hasenkopf

Gert Hofmann (1932-1993), deutscher Erzähler und Dramaturg. Ab 1961 lehrte er deutsche Literatur an Universitäten, hauptsächlich außerhalb Deutschlands. Bis 1975 war er nur als Hörspielautor, u.a. 1965 mit dem Harkness Award und 1980 mit Prix Italia ausgezeichnet, bekannt. Als Erzähler debütierte er 1979 mit der Novelle Die Denunziation.
In Polen ist er mit dem Roman Auf dem Turm (1982, poln. Na wie¿y, PIW 1987), für den er den Alfred Döblin-Preis erhielt, und mit der Erzählung Veilchenfeld (1986, poln. Pan Veilchenfeld, PIW 1990), beide übersetzt von Karolina Niedenthal, bekannt geworden. Seine weiteren Werke sind u.a. der Novellenband Gespräch über Balzacs Pferd (1981), die Romane Unsere Eroberung (1984), Vor der Regenzeit (1988) und Der Kinoerzähler (1990).
Die Protagonisten seiner Romane, oft Sonderlinge und Krüppel, der sie umgebenden Wirklichkeit entfremdet, sind komisch und tragisch zugleich. Ihre Schicksale betrachten wir meistens in einer originellen Perspektive: mit den Augen eines Kindes, durch das Prisma der Vorstellungskraft Blinder, nicht selten mit dem kollektiven Auge einer Gemeinschaft. Was seine Bücher außerdem auszeichnet, ist hochkarätiger Humor.

projekt | bucher/autoren | veranstaltungen | informationen | medienecho | links | kontakt