Marielouise Janssen-Jurreit

Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas

Der Roman erschien im Mai 2007 in der Übersetzung von Karolina Niedenthal beim Verlag PIW, 263 S.
(Originalausgabe: Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2000)


Die Romanheldin, die 38-jährige Historikerin Nori Laetius, leidet an Amnesie: An ihre gesamte Kindheit bis zum 14. Lebensjahr hat sie keine Erinnerung. Allerdings ahnt sie, dass gerade in dieser geheimnisvollen Vergangenheit die Ursachen für ihre Neurose, ihre panischen Ängste, ihre Entfremdung, ihre Unfähigkeit, eine normale Frau zu sein, und folglich auch die Gründe für ihre misslungene Ehe liegen. Ihr Vater, soviel weiß sie, war ein Nazi gewesen, sie selbst wurde 1943 im damals deutschen Kolberg (heute: Ko³obrzeg) geboren. Nach dem Krieg und den dramatischen Ereignissen der Umsiedlung nach Deutschland gibt die Mutter, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hat, die Tochter ins Internat und fährt in die USA. Nori gibt den Eltern die Schuld an ihrem missglückten Leben.
Sommer 1981: Polen wird von einer Streikwelle heimgesucht. Nori reist nach Ko³obrzeg, wo sie sich in den verhinderten Pianisten und Philosophen Adam £êtowski verliebt. Er ist ähnlich wie sie ein von der Geschichte Gezeichneter, ein Kind von Kommunisten, deren Herrschaft in Polen gerade dem Ende entgegengeht. Adam bricht jedoch mit der Familientradition und engagiert sich in der "Solidarno¶æ".
Nicht nur die Protagonisten der im Roman beschriebenen Ereignisse, sondern auch die Mehrzahl der Nebenfiguren wurden auf die eine oder andere Weise von der Geschichte beschädigt, die - scheint die Autorin sagen zu wollen - in diesem Teil Europas zwangsläufig die Schicksale der Menschen bestimmt. Diese meist dramatischen Lebensläufe bilden den historischen Hintergrund der Erzählung. Der in Form einer fiktiven Autobiografie geschriebene Roman spielt ein ums andere Mal in Polen zur Zeit der "Solidarno¶æ" und des Kriegszustands - die polnische Problematik ist übrigens im ganzen Buch präsent. Die Autorin rekonstruiert zwar die damaligen polnischen Realien mit großer Sachkenntnis, dennoch blickt sie, was für den polnischen Leser vielleicht interessant ist, mit den Augen des Westens auf Polen und die Dilemmata des Landes - mit viel Sympathie, aber auch mit Furcht und nicht immer verständnisvoll.


Foto: privat

Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas ist das Romandebüt von Marielouise Janssen-Jurreit, einer bekannten Feministin und Autorin des Klassikers Sexismus - Über die Abtreibung der Frauenfrage (1976). 1985 veröffentlichte sie das Buch Lieben Sie Deutschland? und 1986 Frauen und Sexualmoral. Der Roman Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas führte im Februar 2001 die SWR-Bestenliste an.

Rezensionen:

1.

Adam Krzemiñski, Deutsche liebt Polen, Polin liebt Deutschen, Gazeta Wyborcza, 11.-12.2.2006

2.

Malwina Wapiñska, Teutonische Melancholie, polnisches Temperament, "Dziennik", 27.7.2007

3.

Monika Ma³kowska, Die schwierige Liebe zwischen einer Deutschen und einem Polen. Aus der deutschen Perspektive gesehen,"Rzeczpospolita", 16.8.2007

4.

Agata Szwedowicz, Die polnische Opposition in den Augen einer Deutschen, "Nowe Ksi±¿ki", 9/2007

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