Reinhard Jirgl

Die Unvollendeten

Übersetzt von Ryszard Wojnakowski. Stowarzyszenie Wspólnota Kulturowa "Borussia", Olsztyn 2009, 261 S. (Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München/Wien 2003)

Mit dem 2003 erschienen Roman Die Unvollendeten gelingt Reinhard Jirgl eine der wohl gültigsten und überzeugendsten Schilderungen der deutschen Nachkriegszeit. Sein Porträt der ersten Nachkriegsjahre lässt ein Bild ohne Selbstmitleid entstehen: die Vertreibung aus dem Sudetenland, die sture Hoffnung auf Rückkehr, das Absitzen der Lebenszeit in der DDR. Dies wird geschildert am Beispiel von vier Frauen aus der Kleinstadt Komotau, der alten Johanna, deren Töchter Hanna und Maria und der siebzehnjährigen Enkelin Anna. Der Enkel ist der Erzähler, 1953 geboren, und er öffnet die Türe zur Vergangenheit, er schildert ein Kapitel deutscher Geschichte unsentimental, präzise und in einer anspielungsreichen, komplexen und zugleich eindringlichen Sprache. Jirgl sei, so vermerkte ein Kritiker, eine "atemberaubende sprachliche Verdichtung" gelungen. Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" sucht die Gründe für das ausserordentliche Gelingen dieses Generationenromans im historischen Abstand, "aus dem der Enkel vollbringt, was dem Sohn noch missglückte: ein reiches, ein hintergründiges, ein ambivalentes Tafelbild der jüngsten deutschen Geschichte."


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Peter-Andreas Hassiepen

Reinhard Jirgl ist einer der bedeutendsten, eigenwilligsten und sprachmächtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Er bricht mit den Konventionen der Normalsprache und setzt ihr eine phantasievolle, die Schreibweise von Wörtern neu erfindende, erhellende Kunstsprache gegenüber, die Ihresgleichen sucht und die keine Vorbilder kennt. Der Eigensinn des Reinhard Jirgl ist dem genauen, von keinen Äusserlichkeiten und Moden abgelenkten Beobachter geschuldet. Seine Romane sind präzise Schilderungen, atemberaubende sprachliche Verdichtungen von Zuständen und Geschichten, die wir zu kennen meinen, die wir aber noch nie so intensiv und variantenreich erzählt bekommen haben. Zweifellos bedeutet es eine besondere Herausforderung, Texte von Jirgl in eine Fremdsprache zu übersetzen. Aber die Bilder, die er erschafft, lassen sich auch in einer anderen Sprache wiedergeben.

Ungewöhnlich wie sein Werk ist auch die Biographie Reinhard Jirgls. Er wurde 1953 in Ostberlin geboren und verbrachte die ersten zehn Jahre seines Lebens bei seinen Grosseltern in einer Kleinstadt in der Altmark. 1964 kehrt er zu seinen Eltern nach Berlin zurück. Nach der Oberschule, in Verbindung mit einer Berufsausbildung als Elektromechaniker, holt er in Abendkursen das Abitur nach. 1971 immatrikuliert er sich an der Humboldt-Universität für das Studium der Elektrotechnik und schliesst es 1975 als Hochschulingenieur ab. Von 1975 - 1995 arbeitet er als Techniker an der Berliner Volksbühne. In dieser Zeit entstehen Texte, die jedoch in der DDR nie veröffentlicht werden. Jirgls erstes Manuskript Mutter Vater Roman wird 1985 abgelehnt, er publiziert weder im Osten noch im Westen.

Sein zunächst "für die Schublade" geschriebenes Werk erscheint seit Mitte der neunziger Jahre im Carl Hanser Verlag. So wird 2002 die in den 1980er Jahren entstandene Genealogie des Tötens. Trilogie veröffentlicht. Den öffentlichen Durchbruch bringt der Roman Abschied von den Feinden (1995). Der Roman verbindet traumatisierte Familien- und Beziehungserfahrungen zweier verfeindeter Brüder zu einem diffizilen Erzählgeflecht. Die scheinbaren Parallelwelten von Bundesrepublik und DDR bilden die Folie für die Figurenkonstellationen. Der Roman Die atlantische Mauer (2000) ist zwischen der Neuen und der Alten Welt angesiedelt. Eine junge Frau aus Berlin will in New York ein neues, selbstbestimmtes Leben beginnen. Jirgl erzählt eine radikale Geschichte über Aufbruch und Scheitern.

Reinhard Jirgls Werk ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. So erhielt er den Alfred-Döblin-Preis (1993), den Marburger Literaturpreis (1994), den Berliner Literaturpreis der Stiftung Preussische Seehandlung, die Johannes Bobrowski-Medaille (1998), den Kranichsteiner Literaturpreis (2003), den Dedalus-Preis für Neue Literatur und den Bremer Literaturpreis (2006). Jirgl war 2007/2008 Stadtschreiber von Bremen. 2009 erhielt er den Lion-Feuchtwanger-Preis der Akademie der Künste, 2010 den Georg-Büchner-Preis.

Rezensionen:

1.
Piotr Buras, Lieblose Liebesbande, "Gazeta Wyborcza", 3.08.2010.
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