Uwe Johnson

Mutmassungen über Jakob

Mit einem Nachwort von Zdzis³aw Jasku³a

Der Roman erschien in der Übersetzung von S³awa Lisiecka im Verlag Czytelnik in Warschau im Oktober 2008, 295 S.
(Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main,1959)


Der Roman Mutmassungen über Jakob erschien 1959 und wurde von Hans Magnus Enzensberger als "die grosse Ausnahme" gerühmt: Mit seinem Erstlingswerk habe sich Uwe Johnson in formal überzeugender Weise dem "zum Himmel schreienden Thema der deutschen Teilung" gestellt.

Der Roman erzählt die Geschichte des Jakob Abs, der im Oktober 1956 auf den Gleisen der Deutschen Reichsbahn jene sowjetischen Militärtransporte bevorzugt abzufertigen hat, die auf dem Weg zur Niederschlagung des Aufstands nach Ungarn in Marsch gesetzt wurden. Er war 1945 mit seiner Mutter in einem Treck aus Pommern in die kleine Ostseestadt Jerichow gekommen. Der Kunsttischler Heinrich Cressphal und seine Tochter Gesine nehmen die Flüchtlinge auf. Gesine studiert Anglistik und geht 1953 in den Westen.
Dort arbeitet sie als Sekretärin im NATO-Hauptquartier. Hauptmann Rohlfs soll Gesine über Jakob und dessen Mutter für die militärische Spionageabwehr gewinnen. Am ersten Tag der Erhebung in Ungarn kommt Gesine illegal in die DDR. Sie trifft Dr. Jonas Blach, der sie liebt. Er erzählt von der Unruhe und den Hoffnungen der Intellektuellen in Ostberlin seit dem XX. Parteitag der KPdSU. Während des kurzen Besuchs in Mecklenburg gesteht sich Gesine ihre Liebe zu Jakob ein.
Mit Billigung der Staatssicherheit besucht Jakob Gesine in Westdeutschland. Dorthin ist seine Mutter gleich nach der ersten Befragung durch die Staatssicherheit geflohen. Während er sich im Westen aufhält, ist der ungarische Aufstand niedergeschlagen. Trotz der Bitte von Gesine, bei ihr zu bleiben, kehrt Jakob in die DDR zurück und kommt bei einem rätselhaften Unfall zu Tode.

Die Geschichte wird von ihrem Ende her erzählt. Jakob Abs ist tot, wenn die Geschichte beginnt. Der vielzitierte erste Satz: "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen" markiert den Einspruch gegen die offizielle Version, die über Jakobs Tod von den Verantwortlichen in Umlauf gebracht wird. Die "Mutmassungen" setzen ein und fördern kein eindeutiges Ergebnis ans Tageslicht: Liquidation im Auftrag der Staatssicherheit, Unfall bei Glätte und Frühnebel im November, Selbstmord? Das Aufbrechen der Chronologie des Erzählens, die weitgehende Dialogisierung des Romans, ohne dass der Sprechende eingeführt wird, der Wechsel zwischen drei unterschiedlichen Erzählweisen: den kursiv gesetzten Monologen, den Dialogen des Erzählers und die von der Schulgrammatik abweichende Zeichensetzung haben die Rezeption des Romans anfangs erschwert.


Foto: Michael Bengel

Uwe Johnson wurde 1934 im heutigen Kamieñ Pomorski (Pommern) geboren. Er studiert an der Universität Rostock Germanistik mit dem Ziel, Verlagslektor zu werden. Johnson verurteilt die Hetze gegen die Evangelische Kirche und wird exmatrikuliert. Sein Studium setzt er an der Karl-Marx-Universität in Leipzig fort und absolviert seine Diplomarbeit bei Hans Mayer. 1958 verlässt Johnson die DDR und lebt nun in Berlin-Friedenau, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Günter Grass. 1961 erscheint sein zweiter Roman Das dritte Buch über Achim. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in den USA (1966 - 1968) beginnt Johnson mit seinem Hauptwerk: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl.
Die ersten drei "Lieferungen" erscheinen innerhalb von drei Jahren (1970 - 1973), der letzte Teil der Jahrestage wird 1983 publiziert. Die Jahrestage sind der Versuch, sich ohne nostalgische Erinnerungen über die eigene Herkunft Klarheit zu verschaffen. Darüber hinaus sind die Jahrestage ein exemplarisches Beispiel für das Verhältnis des Einzelnen zur totalitären Macht - ein Thema, an dem sich Johnson in seinem ganzen Werk abarbeitet. 1974 übersiedelt Uwe Johnson nach Sheerness-on-Sea, in ein Haus auf der Insel Sheppey in der Grafschaft Kent, direkt an der Themsemündung gelegen. Johnson gehört der Gruppe 47 an.
Besonders enge Freundschaften verbinden ihn mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch und - seit seinem USA-Aufenthalt - mit Hannah Arendt und der Verlegerin Helen Wolff. Johnson wurde auch vielfach ausgezeichnet. So erhielt er u.a. den Internationalen Verlegerpreis (1962), den Georg-Büchner-Preis (1970), den Wilhelm-Raabe-Preis (1975) und den Thomas-Mann-Preis (1979).

Am 13. März 1984 wird Uwe Johnson in seinem Haus in Sheerness-on-Sea tot aufgefunden. Der Tod durch Herzversagen war bereits in der Nacht vom 23. zum 24. Februar eingetreten. Heinrich Böll schrieb zum Tod von Uwe Johnson: "Seine Grösse war die Einheit von Geduld und Trauer, die Einheit von Empfindsamkeit, Zorn und Genauigkeit: im einzig möglichen Sinn nahm er seine Zeit wahr. Spätere Zeiten erst werden seine Grösse wahrnehmen".

Im Volkspolen galt Uwe Johnson als reaktionärer und revisionistischer Autor, der nicht publiziert werden durfte. Doch auch nach 1989 und der Abschaffung der Zensur kam kein polnischer Verleger bis heute auf die Idee, den totgeschwiegenen Romancier, einen der größten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegszeit, der Vergessenheit zu entreißen. Die Publikation des Verlags Czytelnik ist das erste Buch Johnsons in polnischer Sprache.

Rezensionen:

1.

2.
(B), Mensch und System, "Modny Kraków", Nr. 3-4, 2008
3.
Leszek Szaruga,W trybie przypuszczaj±cym,"Nowe Ksi±¿ki", nr 4/2009
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