Katja Lange-Müller

Böse Schafe

Der Roman erschien in der Übersetzung von Aleksandra Kujawa-Eberharter im März 2012 im Verlag Wydawnictwo FA-art in Kattowitz. 189 Seiten.
(Originalausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 205 S.)


Am 17. April 1987 trifft die 39jährige Soja, aus der DDR geflüchtet, auf der Straße in Westberlin zufällig den um 6 Jahre jüngeren Harry. Diese zufällige Begegnung entwickelt sich zu einer drei Jahre dauernden sonderbaren Beziehung, die man jedoch kaum Liebe nennen kann. Und doch sind es die Sehnsucht nach Liebe und die Angst vor der Einsamkeit, die die nicht mehr ganz junge und äußerlich nicht sehr attraktive Frau an diesen rätselhaften Mann binden, der - wie es sich zeigt - nicht nur arbeitslos, sondern auch ein HIV-positiver Drogenabhängiger mit krimineller Vergangenheit ist. Harry wurde aus dem Gefängnis unter der Bedingung entlassen, dass er sich freiwillig einer Entziehungskur unterzieht. Mit großem Engagement stellt Sonja eine mehrköpfige Gruppe von Betreuern zusammen, die Harry während der Kur rund um die Uhr begleiten. Doch alle Anstrengungen bleiben erfolglos: Harry verfällt erneut in die Sucht und stirbt nach dramatischen Zwischenfällen, Kollapsen und Krankenhausaufenthalten in einem Heim für unheilbar Kranke. Während dieses Hinabgleitens in den Abgrund begleitet ihn Sonja mit einer verzweifelten Determiniertheit fast bis zum Ende.

Der Roman hat den Charakter einer Retrospektive: über ihr Leben, ihre komplizierte Beziehung zu Harry erzählt Soja schon nach dessen Tod, wobei sie auch aus seinem Tagebuch zitiert, in dem sie allerdings nicht vorkommt... Diese traurige, deutlich auf autobiographischen Motiven aufgebaute Geschichte erzählt die Autorin mit großer Sensibilität, jedoch weit entfernt von jeglicher Sentimentalität, eher distanziert (insbesondere was die Haltung der Protagonistin ihr selbst gegenüber betrifft), mit einem sehr offenen Verhältnis zum Sex als "der Medizin gegen die Krankheit Liebe" und einem spezifischen, in der deutschen Literatur eher seltenen, wenn auch von Trauer untermalten Sinn für Humor. Der große Wert dieses Romans liegt nicht zuletzt in seiner ausgesprochen sinnlichen, farbigen Sprache, die sehr präzise im Beschreiben von emotionalen Zuständen ist, voller Neubildungen und die Atmosphäre des Milieus und der Zeit, in der der Roman spielt, suggestiv wiedergebend.


Foto: Jürgen Bauer

Katja Lange-Müller, geb. 1951 in Berlin-Lichtenberg. Aus der Oberschule wegen "unsozialistischen Verhaltens" relegiert, absolvierte sie eine Schriftsetzerlehre. Sie arbeitete dann vier Jahre lang in der Druckerei und Bild-Redaktion der "Berliner Zeitung", danach - weitere sechs Jahre - als Hilfspflegerin auf geschlossenen psychiatrischen Frauenstationen in der Berliner Charité und im Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie Berlin-Herzberge. 1979-1982 studierte sie an dem berühmten Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig. Im November 1984 übersiedelte sie nach Westberlin. Sie debütierte 1986 mit dem Erzählband Wehleid - wie im Leben, der 32 autobiographisch gefärbte, meistens noch in der DDR entstandene Geschichten enthielt, die um Themen wie Einsamkeit, Angst und Tod kreisten. Im selben Jahr erhielt sie den wichtigen Ingeborg Bachmann-Preis. Ihr nächstes Buch, die Erzählung Kasper Mauser - Die Feigheit vorm Freund (1988), ist eine groteske Vision der deutschen Teilung. Sie schrieb auch Hörspiele, Texte für die Zeitschrift "Theater heute", arbeitete als Theaterdramaturgin. 1995 erschien ihre Doppelerzählung Verfrühte Tierliebe. Im selben Jahr erhielt sie den Alfred Döblin-Preis, im folgenden - den Berliner Literaturpreis. Ihr Roman Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei (2000) wurde mit dem Preis der SWR-Bestenliste ausgezeichnet. Ihre Erzählungen und Miniaturen erschienen 2003 in dem Band Enten, die Frauen und die Wahrheit. 2007 erschien ihr Roman Böse Schafe, der zum Deutschen Buchpreis nominiert wurde. 2008 erhielt sie den Wilhelm Raabe-Preis. Sie wohnt in Berlin.

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