Golo Mann

Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Mit einem Nachwort von Prof. Robert Traba

Das Buch erschien in der Übersetzung von Andrzej Kopacki im Mai 2007 im Verlag Stowarzyszenie Wspólnota Kulturowa "Borussia" in Olsztyn, 601 S.
(Originalausgabe: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1958, 10. Auflage: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004)


"Die Geschichte ist Erzählung", schreibt Golo Mann. Und weiter: "Der Historiker kann oft keine von der Wirkung abgetrennten Ursachen nennen; er kann dann nur sagen, so kam es, und eben darum ist es so gekommen. Beschreibung und Erklärung werden eins. Im Ereignis selber liegt dann auch sein Grund." Diese beiden Zitate kennzeichnen treffend zwei Grundzüge von Golo Manns Deutscher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.
Der erste ist ganz allgemeiner Natur: Manns Geschichtsschreibung gehört zur Schönen Literatur. Der zweite hingegen ist spezifischer: Die für die Historiografie charakteristischen Beziehungen zwischen dem Ereignis und der Ursache, der Beschreibung und der Erklärung, verbinden sich bei Mann zu einem untrennbaren Ganzen, das den historischen Prozess literarisch abbildet.

Manns Geschichte ist deshalb lebendige Erzählung und Essay zugleich - ein literarisches Werk, das sich von der Belletristik im engeren Sinne nur durch seinen nicht-fiktionalen Charakter unterscheidet und das sich ihr über die Sprache nähert, die reich an starken Sätzen und lesbaren Kadenzen, gelegentlich fast schon umgangssprachlich, jedoch immer präzise ist, vor Anekdoten oder Psychologismus nicht zurückschreckt, und in der ein Argument auf dem anderen aufbaut.
Die Ganzheit dieser Erzählung über zweihundert Jahre deutscher Geschichte setzt sich aus einem Mosaik aus Motiven sowie zahlreichen Beschreibungsebenen zusammen. Mann erörtert die "großen" Ereignisse, den Verlauf von diplomatischen Konflikten und von Kriegen, aber auch das Wirken von Individuen, Gruppen, ideologischen Bewegungen sowie Details des politischen Alltags. In diesem Erzählgewebe wird der geschichtliche Prozess sichtbar - die Geschichte der deutschen Kleinstaaterei, des Föderalismus, des Zentralismus; Preußen und das Reich; die Deutschen "für sich" und umgeben von anderen Nationen; ein zentraler Teil der Geschichte Europas.
Die Erzählung polemisiert mit anderen Standpunkten und bedient sich der unterschiedlichsten Instrumente - von der politologischen Analyse über die soziologische Skizze bis hin zu außerordentlich kurzweiligen Porträts von Staatsmännern und gewöhnlichen Politikern, Königen und Revolutionären, Philosophen und Schriftstellern. Manns historiografische Technik ist dadurch gekennzeichnet, dass einerseits die historische Wirklichkeit (z. B. die Verfassungspraxis), andererseits die Ideengeschichte, der geistige Aufruhr, die Materie seiner Erzählung bildet. Das eine ist mit dem anderen verflochten, und das Wesen dieses Geflechts findet beispielsweise in der von Mann beschworenen Verbindung von Staat und Geist seinen Ausdruck.

Wie soll man Golo Manns Haltung zur deutschen Geschichte beschreiben? Kurz gesagt: Es ist die Haltung eines deutschen Patrioten, der genau weiß, wovon er schreibt; weshalb es ihm gelingt, mit soliden, wenn auch für das polnische Ohr nicht immer unstrittigen Argumenten Anwalt der deutschen Sache zu sein. Gelegentlich tritt er auch als erbarmungsloser Ankläger auf, was, insbesondere im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts, zwar ein Leichtes zu sein scheint, aber bei Mann immer intellektuellen Tiefgang hat.


Foto: Hella Wolff-Seybold

Golo Mann (geb. 1909 in München), Thomas Manns Sohn, studierte Philosophie und Geschichte in München, Berlin und Heidelberg. 1933 emigrierte er in die Schweiz, später nach Frankreich. In Zürich (1937-40) redigierte er Thomas Manns Schrift "Mass und Wert", in Frankreich war er u.a. Dozent an der Universität in Rennes. 1940 schlug er sich mit seinem Onkel Heinrich Mann über die Pyrenäen nach Spanien durch und gelangte von dort in die USA. Ab 1942 unterrichtete er Geschichte an verschiedenen amerikanischen Universitäten.
Nach seiner Rückkehr nach Europa (1958) arbeitete er in den 60er Jahren an den Universitäten in Münster und Stuttgart und beteiligte sich an zahlreichen wichtigen historischen Debatten in Deutschland. Er wurde u.a. mit dem Schillerpreis (1965), dem Büchnerpreis (1968) und dem Goethepreis (1985) ausgezeichnet. 1994 starb er in Leverkusen. Zu seinen wichtigsten Publikationen gehören neben der Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts die Biografien Friedrich von Gentz (1947) und Wallenstein (1971) sowie die Essaysammlung Wir alle sind, was wir gelesen (1989).

Rezensionen:

1.

Pawe³ Huelle, Die Reise in das Dunkel der Geschichte, Dziennik, 3.07.2007

2.

Lektor, Geschichte als Erzählung, Tygodnik Powszechny, 24.07.2007

3.
Krzysztof Mas³oñ, Wer nicht vertrieben sein will, muss vertreiben, "Rzeczpospolita", Beilage Plus Minus, 25.8.2007
4.
Bartosz Staszczyszyn, Die Geschichte ist Erzählung, "¯ycie Warszawy", 19.8.2007
5.
Tomasz Pichór, Deutschland verstehen, Vierteljahresschrift "Nowe Sprawy Polityczne", Nr. 33 (2007)
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