Emine Sevgi Özdamar

Die Brücke vom Goldenen Horn

Der Roman erschien in der Übersetzung von Maria Przyby³owska im Verlag Pogranicze in Sejny im Mai 2007, 273 S.
(Originalausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998)


Eine junge Türkin geht 1965 - aus Abenteuerlust und gegen den Willen ihrer Eltern - nach West-Berlin. Sie arbeitet bei Telefunken und als Zimmermädchen im Hotel Berlin, wohnt in einem Frauen-Wohnheim in der Nähe des zerstörten Anhalter Bahnhofs, der unter den Arbeitskolleginnen nur der "beleidigte Bahnhof" heisst, weil im Türkischen dasselbe Wort "kaputt" und "beleidigt" bedeuten kann. Sie lernt Deutsch, sie nimmt jedes Wort für bare Münze und sie wird allmählich in der Fremde heimisch.
Sie tastet sich an die fremden Worte heran, sie nimmt die unruhigen sechziger Jahre wahr. Das Zimmermädchen hört draussen die demonstrierenden Studenten: "Killer raus aus Vietnam". Ein Sprecher des Berliner Senats vergleicht die rebellierenden Studenten mit Hühnern. Als Benno Ohnesorg erschossen wird, ist es mit der Komik vorbei: "Die Polizei hatte ein Huhn erschossen, aber es lag ein Mensch da."

Im zweiten Teil des Romans kehrt die junge Frau nach Istanbul zurück, um sich als Schauspielerin auszubilden. In der Türkei herrscht in diesen Jahren ein viel brutaleres Klima: Das Regime reagiert mit Verhaftungen, Folter und Mord auf die dortige Studentenbewegung. Emine Sevgi Özdamar lässt Bilder entstehen, deren Detailgenauigkeit keine Sentimentalität zulässt. Ihr autobiographisches Schreiben geht über die Dimension des eigenen Lebens hinaus. Sie steht auf der Seite jener, die die Folgen von Macht und Politik erleiden.


Foto: Helga Kneidl

Die 1946 in der Türkei geborene Emine Sevgi Özdamar ist zur deutschsprachigen Autorin geworden: Nach ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland in den sechziger Jahren kehrt sie in den siebziger Jahren nach Ost-Berlin zurück, um bei Benno Besson und Matthias Langhoff an der Volksbühne das Brecht-Theater kennen zu lernen. Danach geht sie als Schauspielerin an das Bochumer Schauspielhaus und übernimmt Filmrollen, u.a. in "Happy Birthday, Türke" von Doris Dörrie. Im Auftrag des Bochumer Schauspielhauses entsteht ihr Theaterstück "Karagöz in Alemania" ("Schwarzauge in Deutschland").
Seit 1982 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr erster autobiographischer Roman Das Leben ist eine Karawanserei (1992) schildert die Kindheit und Jugend eines Mädchens, das mit ihrer Familie aus einem anatolischen Dorf über viele Zwischenstationen nach Istanbul gelangt. In Seltsame Sterne starren zur Erde (2003) erzählt Emine Sevgi Özdamar von ihrer Theaterzeit in Ost- und West-Berlin. Das Theater schärft den Blick der exzellenten Beobachterin für die Wirklichkeit der geteilten Stadt, sie zeigt ein Berlin, das wohl kein Deutscher je so gesehen hat.

Emine Sevgi Özdamar ist mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden, so mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Kleist-Preis, dem Literaturpreis der Stadt Bergen-Enkheim, dem Adalbert von Chamisso-Preis und dem Künstlerinnenpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Als Emine Sevgi Özdamar 2003 Stadtschreiberin in Frankfurt-Bergen wurde, lobte die Jury ihr "bildkräftiges, humoristisches und sinnliches Deutsch", das sie sich "quer durch zwei Kulturen galoppierend" erschrieben habe.

Rezensionen:

1.

Wroc³aw: Begegnung mit Emine Sevgi Özdamar, Joanna Piotrowska, www.feminoteka.pl, Mai 2007

2.

Das Leben ein Roman?, Marta Pawlaczek, G-Punkt.pl Kulturportal, 24.5.2007

3.
Bartosz Staszczyszyn, Bekenntnisse eines Kindes seiner Zeit, "Dziennik", Beilage "Kultura", 21.9.2007
4.
Maciej Kaczyñski, Ein Leben aus zusammengesammelten Wörtern, Nowe Ksi±¿ki, 11/2007
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