Christoph Ransmayr

Der fliegende Berg

Der Roman erschien in der Übersetzung von Jacek St. Buras im Mai 2007 im Verlag Pañstwowy Instytut Wydawniczy in Warschau, 313 S.
(Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 2006)


Liam, der Kartograph, der in Christoph Ransmayrs Roman geodätische Computerprogramme schreibt und computergesteuerte Teleskope bedient, der mit der ganzen Welt vernetzt ist, stösst auf der Suche nach historischen Details zur Geschichte der Vermessung des Transhimlayas auf eine Fotografie, die Rätsel aufgibt. Auf einem alten chinesischen Fliegerbild entdeckt er einen Berg, der nirgendwo kartographiert ist. Er überzeugt seinen Bruder Patrick, sich mit ihm an der Besteigung dieses letzten weissen Flecks der Weltkarte zu versuchen. An den Steilküsten von Irland üben sie sich im Extremklettern, gedenken der gemeinsamen Bergtouren mit ihrem Vater, machen sich auf nach China, entkommen der offiziellen Delegation, mit der sie zuerst gereist sind, und gelangen mit einem tibetischen Nomadenclan in die Nähe ihres Ziels. Die Liebe Patricks zur Nomadin Nyema, Bruderkonflikte und Warnungen des Clans vor der beabsichtigten Besteigung verzögern den Aufbruch. Schliesslich wagen sie ihn und geraten auf dem Rückweg in einen Schneesturm. Eine Lawine reisst Liam in den Tod.

Aus dieser Geschichte wird bei Christoph Ransmayr kein Abenteuer- oder Bergsteigerroman. Der fliegende Berg ist eine Reise zu den letzten blinden Flecken der Welt, eine Reise ins Ungewisse, die uns nahe legt, dass es keinen unverrückbaren Ort und keine letzte Gewissheit gibt. In einem Interview sagte Ransmayr: "Meine Geschichten enthalten immer auch Variationen einer Grunderfahrung, etwa der, dass, was ist, nicht bleiben kann, eine Erfahrung, die uns immer wieder dem Unerreichbaren, Fernsten entgegentreibt. Denn wie oft möchten wir, dass es anders wäre: Den Vater meiner beiden Brüder plagt zeitlebens die Sehnsucht nach einem unverrückbaren Ort, an dem er ein für alle Mal geborgen, aufgehoben, unverwundbar, unsterblich sein soll. Alles, was wir erfahren, spricht gegen einen solchen Ort zu Lebzeiten, aber die Sehnsucht ist ungebrochen. Und der Vater findet diesen Ort schliesslich auch - auf dem Friedhof von Glengarriff."

Als Patrick sich trotz der Einsprüche von Nyema für den Aufbruch entscheidet, ist er "entschlossen, diesem Grat nachzugehen, dem fliegenden Berg, und so einer Spur zu folgen, die aus Liams matt leuchtenden virtuellen Welten in die Wirklichkeit führte". Der Roman oszilliert zwischen Fiktion und Wirklichkeit und setzt eine mythologisierende Phantasiewelt frei, die angesiedelt ist zwischen einer abgelegenen irischen Insel und dem tibetischen Hochland: "aus den fruchtbaren Niederungen hinauf ins Eislicht und aus einer leblosen Stille wieder zurück, hinab ans Meer."

Ransmayr verwandelt die Gegensätze zwischen Berg und Meer, Tod und Leben, Archaik und Moderne in rhythmisch ausgefeilte Prosa. Die wirkungsmächtigen Bilder seiner grossen Erzählung entfalten sich in der ungewöhnlichen Form des Flattersatzes, in fliegenden Sätzen, wie der Autor in seiner Vorbemerkung zum Roman schreibt. Als Leser gewinnt man eine ungewohnte Erfahrung: man fügt sich lesenderweise in Rhythmen ein, die einem auch zögern und innehalten lassen. Man hört beim Lesen die Sprachmusik eines unvergleichlichen Erzählers.


Foto: Oliver Rüther

Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren. Er studierte Philosophie und Ethnologie und lebt in Wien und Irland. Seine Romane Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), Die letzte Welt (1988, poln. Ostatni ¶wiat, übersetzt von Jacek St. Buras, Verlag Sic! 1998) und Morbus Kitahara (1995, poln. Morbus Kitahara, übersetzt von S³awa Lisiecka, Verlag PIW 2003) wurden in 30 Sprachen übersetzt. Kleinere Prosaarbeiten in den Bänden Der Weg nach Surabaya (1997), Die Verbeugung des Riesen (2003) erzählen von den ausgedehnten Reisen, die Ransmayr seit den 90er Jahren unternommen hat. Im Jahr 2000 als "Dichter zu Gast" zu den Salzburger Festspielen geladen, führte Ransmayr mit einem grossen Ensemble von Musikern, Sängern, Filmkünstlern, Schauspielern, Bildhauern und Malern an sieben aufeinanderfolgenden Abenden unter dem Motto "Unterwegs nach Babylon" Spielformen des Erzählens vor. Aus diesem szenischen Unternehmen entstand das erste und einzige Theaterstück Die Unsichtbare. Tirade an drei Stränden. 2001 wurde es zu den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Für seine Bücher erhielt Ransmayr zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. den Grossen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1992), den Franz-Kafka-Preis (1995), den Europäischen Literaturpreis "Prix Aristeion" (1996, für den Roman Morbus Kitahara), den Premio Letterario Internazionale Mondello (1997), den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (1998) und den Bert-Brecht-Preis (2004).

Rezensionen:

1.

Flucht vor der höllischen Zivilisation, mit Christoph Ransmayr spricht Magdalena Miecznicka, "Dziennik", 5.6.2007

2.
Jakub Winiarski, Pathos im freien Satz, Portal www.nieszuflada.pl, 1.6.2007
3.
Hanna Serkowska, Zwei Meermenschen in den höchsten Bergen der Welt, Monatsschrift "Nowe Ksi±¿ki, 10/2007
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