Michael Roes

David Kanchelli

Der Roman erschien in der Übersetzung von Maria Skalska im Mai 2006 im Verlag Sic! in Warschau, 280 S.
(Originalausgabe: Berlin Verlag, Berlin 2001)


David Kanchelli, ein angesehener Diplomat im Dienste der "Union", kehrt nach einem Auftrag im Gebiet der "Liga" als Rebell gegen die eigene politische Führung ins Land zurück. Wegen Hochverrats soll ihm der Prozess gemacht werden. Sein Bruder Ephraim hätte als Präsident der Union die Vollmacht, ihn zu begnadigen. Über dessen Schulter gebeugt, studiert der Leser die Prozessakten und Davids Tagebücher der Reise. Roes konstruiert einen Staat, in dem eine christliche Demokratie etabliert ist, deren Hauptstadt Corpus Christi heisst und die mit Prohibition, Diskriminierungen und mit staatlich sanktionierten Glaubensgewissheiten ihre despotischen Seiten kaum kaschiert. In der "Liga" aber herrscht Chaos und Elend, das die ehemaligen Kolonialherren zurückgelassen haben.

Roes schildert eine bipolare Welt, die Hell und Dunkel, Reichtum und Armut, säuberlich zu trennen vorgibt. Aber die Identitäten seiner Figuren sind nur scheinbar stabil. "Das Gute, dem man verfällt", heisst es gegen Ende des Romans, "unterscheidet sich nicht mehr vom Bösen. Was ist, könnte auch anders sein." Das Innenleben von David Kanchelli erfährt sein Bruder Ephraim nur über dessen Tagebücher, Beweismittel im Prozess und die Protokolle der Gerichtsverhandlung. Was ist der Mensch? Ein Vexierbild, zusammengesetzt von anderen.


Foto: Stefan Korte

Michael Roes, geboren 1960 in Westfalen, studierte Psychologie, Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin, wo er 1985 sein Diplom in Psychologie machte. Von 1985 bis 1989 war er Regie- und Dramaturgieassistent an der Berliner Schaubühne und an den Münchner Kammerspielen. Es folgte ein Studienaufenthalt in der Wüste Negev. 1991 promovierte er mit einer Arbeit über Isaak und das Sohnesopfer zum Doktor der Philosophie. 1993-1994 hielt er sich studienhalber in der jemenitischen Wüste auf, seine ethnologischen Studien verarbeitete er im Roman Rub' al-Khali. Weitere Forschungsreisen führten ihn in die Vereinigten Staaten und nach Afrika.

Michael Roes' Werk umfasst Romane, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele und Filme. Neben verschiedenen Stipendien erhielt Roes 1997 den Bremer Literaturpreis.

Rezensionen:

1.

2.
Krzysztof Grudnik, Über den Roman von Michael Roes, Portal granice.pl, Juni 2006
3.
Beata Pieñkowska, "Räuber, und kein Gendarm", Monatsschrift "Nowe Ksi±¿ki", 9/2006
4.
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