Robert Schindel

Gebürtig

Der Roman erschien in der Übersetzung von Jacek St. Buras im Krakauer Verlag Austeria im Mai 2006, 323 S.
(Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992)


Der Roman spielt um die Jahreswende 1983/84, Ort der Handlung ist größtenteils Wien. Schindel entwickelt parallel mehrere, nach und nach ineinander greifende biografische Erzählstränge, indem er sich der komplizierten Figur eines doppelten Erzählers in der Gestalt von Zwillingen bedient, wobei einer der beiden an den Ereignissen teilnimmt, und der andere sie beschreibt, obwohl sie im Grunde genommen ein und dieselbe Person sind. Die Romanhelden, die nach der Vorlage wahrer Personen entstanden, sind Nachkommen jüdischer Opfer sowie österreichischer oder deutscher Henker aus dem Zweiten Weltkrieg.
Eine der Hauptfiguren ist der österreichisch-jüdische Schriftsteller und ehemalige KZ-Häftling Hermann Gebirtig, der nach Jahren im amerikanischen Exil nach Wien kommt, um in einem Kriegsverbrecherprozess als Zeuge auszusagen. Ebenso wie Konrad Sachs, den Sohn eines Nazi-Arztes in Auschwitz (Vorbild für diese Figur war Niklas Frank, der Sohn des Generalgouverneurs Hans Frank), holt den Protagonisten die Vergangenheit ein, die er hinter sich lassen wollte - obzwar dies auf völlig unterschiedliche Weise geschieht, sind beide jedoch außerstande, diese zu bewältigen.
In einer Vielzahl von Motiven breitet Schindel ein komplexes Panorama des Lebens nach dem Holocaust aus und zeigt, wie schwierig das Verstehen und die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen den Überlebenden und den Nachfahren ihrer Folterknechte sind, und wie die eine Seite die Vergangenheit verdrängt, während die andere sie nicht vergessen kann. Schindel, der die Atmosphäre der gegenseitigen Vorurteile und des Verschweigens sowie das Klima der Verlegenheit, Scham und Lüge rekonstruiert, macht Wien mit seinem reichen (vorwiegend linken) intellektuellen und künstlerischen Leben, das sich vor allem in den Cafés und Lokalen der Stadt abspielt, wo beim Heurigen die österreichisch-jüdische Thematik in einem spezifischen Licht erscheint und eine besondere Dimension gewinnt, zum Ort der Handlung.
Der Roman entstand vor dem Hintergrund der ersten allgemeinen Diskussion über die Vergangenheit Österreichs, die Mitte der 80er Jahre anlässlich der Kriegsvergangenheit des damaligen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim entbrannte.
Jedoch liegt es Schindel fern, dieses bis heute nicht vollends aufgearbeitete Thema mit übertriebenem Ernst und Feierlichkeit zu behandeln. In diesem Roman gibt es viel sarkastischen Humor, bissige Ironie, Groteskes und selbst Komödiantenhaftes - was manch einer als Ausdruck fehlenden Respekts des Autors gegenüber der im Grunde wenig amüsanten Thematik des Buches betrachten, andere hingegen als Maske interpretieren werden, hinter der sich seine wahren, völlig anders gearteten Gefühle verbergen.
Auf der Grundlage des Romans entstand 2002 unter der Regie von Schindel und Lukas Stepanik ein österreichisch-deutsch-polnischer Film, bei dem u.a. die polnischen Schauspieler Daniel Olbrychski und Maria Seweryn sowie Edward K³osiñski als Kameramann mitwirkten.


Copyright für die Fotografie
von Isolde Ohlbaum
(c) Isolde Ohlbaum

Robert Schindel (geb. 1944), Dichter und Prosaschriftsteller, Sohn österreichischer Kommunisten jüdischer Herkunft, die dem antifaschistischen Widerstand angehörten (sein Vater starb in Dachau, seine Mutter überlebte Auschwitz und Ravensbrück), überdauerte den Krieg als "Waise von asozialen Eltern unbekannter Herkunft" in einem nationalsozialistischen (!) Kinderheim in Wien.
Vom Gymnasium wegen "schlechter Führung" verwiesen (das Abitur legte er 1967 extern ab), schloss sich Schindel früh der kommunistischen Bewegung an (1961-67 war er aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs). 1967-74 studierte er Recht und Philosophie in Wien und war bis 1968 Sprecher der "Kommune Wien", des radikalsten Teils der Wiener Studentenbewegung. Danach war er bis 1978 in maoistischen Kreisen politisch aktiv.
Als Dichter debütierte er Ende der 50er Jahre. Seinen Lebensunterhalt sicherte er durch verschiedene Gelegenheitsjobs (bei der Post, der Bahn, als Bibliothekar, Redakteur bei einer Presseagentur sowie als Gruppentrainer für Arbeitslose). Daneben entstanden Arbeiten für Film, Rundfunk und Fernsehen. Seit 1986 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er beteiligt sich häufig an öffentlichen Diskussionen zur Vergangenheit und Gegenwart Österreichs.
Sein schriftstellerisches Werk umfasst u.a. die Gedichtbände Ohneland. Gedichte vom Holz der Paradeiserbäume 1979-1984 (1986), Geier sind pünktliche Tiere (1987), Im Herzen die Krätze (1988), Ein Feuerchen im Hintennach. Gedichte 1986-1991 (1992), Nervös der Meridian (2003), Fremd bei mir selbst. Die Gedichte 1965-2003 (2004), Wundwurzel (2005), die Romane Kassandra (1970) und Gebürtig (1994) sowie den Erzählband Die Nacht der Harlekine (1994).
Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Erich-Fried-Preis (1993), dem Eduard-Mörike-Preis (2000) und dem Preis der Stadt Wien für Literatur (2003).

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