Arno Schmidt

Die Gelehrtenrepublik
Kurzroman aus den Roßbreiten

Der Roman erschien in der Übersetzung von Jacek St. Buras im Verlag PIW in Warschau im Dezember 2011. Mit einem Nachwort von Ma³gorzata Pó³rola. 265 S.

(Originalausgabe: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld, S. Fischer Verlag GmbH 2010)


Man schreibt das Jahr 2008, der dritte, diesmal atomare, Weltkrieg liegt einige Jahre zurück. Europa besteht nicht mehr. Der junge kanadische Reporter Charles Henry Winer (angeblich ein Urenkel des Verfassers) schreibt einen zweiteiligen Bericht über seine Reise durch den noch existierenden Rest der Welt. Seine Reportage ist so drastisch, dass sie in keiner lebendigen Sprache publiziert werden darf. Winer beauftragt deshalb einen Gelehrten mit der Übersetzung des Textes in das inzwischen tote Deutsche. Eben diese Übersetzung stellt den utopischen, oder eigentlich distopischen, Roman Die Gelehrtenrepublik des in Polen praktisch gänzlich unbekannten bedeutenden deutschen Autors Arno Schmidt dar.

Reiseziel des Berichterstatters Winer ist die geheimnisumwitterte IRAS (International Republic for Artists and Scientists), eine Art Idealstaat in Form einer schwimmenden Stahlinsel mit eigenem Antrieb auf dem Pazifik in den sog. Roßbreiten. Diese "Gelehrtenrepublik" (der Verfasser knüpft an das Werk des deutschen Autors der Aufklärung Friedrich Gottlieb Klopstock Die deutsche Gelehrtenrepublik von 1774 an) wurde auf Initiative der UNO als das letzte Refugium der Weltkultur für den Fall weiterer globaler Kataklysmen errichtet. Die Republik wird von einigen Hunderten sorgfältig ausgewählter Forscher, Schriftsteller und Künstler aus der ganzen Welt bewohnt, die auf der Insel ideale Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfinden. Die Insel ist in den westlichen (amerikanischen) und den östlichen (sowjetischen) Teil gegliedert, während der Mittelteil eine neutrale Zone darstellt, wo die hauptsächlich aus Bürgern der Dritten Welt bestehende Inselverwaltung haust.

Winer ist der erste Reporter seit langem, der die Erlaubnis bekommen hat, IRAS zu besuchen. Seine Reise - deren Beschreibung den ersten Teil des Romans füllt - führt über den radioaktiv verseuchten, mit einer endlosen Mauer umgebenen sog. Hominiden-Streifen im Westen der USA, wo der Berichterstatter verschiedene Mutanten entdeckt, eine Folge der Bestrahlung. Sie haben alle sechs Gliedmaßen... Auf der Insel angelangt, gerät Winer sofort zwischen die verfeindeten Parteien des "Steuerbords" und des "Backbords" (die den West-Ost-Konflikt symbolisieren), denen er als Vermittler dienen soll. So wird auch hier, in diesem idealen Gelehrten- und Künstlerstaat, alles von der Politik bestimmt. Trotz opferwilliger Versuche des Reporters, den Konflikt zu schlichten, endet seine Mission mit einer Niederlage, die die sich im Kreis drehende Insel versinnbildlicht - in diese Bewegung durch die gegenläufig arbeitenden Antriebsschrauben auf jeder der beiden Inselseiten geraten - zugleich ein Symbol der Sinnlosigkeit politischer Auseinandersetzungen.

Der Roman strotzt von Beschreibungen phantastischer Wesen und Phänomene aus verschiedenen Lebensbereichen und Wissensdisziplinen, Erfindungen sowohl der Gentechnik wie auch der Kriegskunst. Er ist voller Ironie und schwarzen Humors, obgleich die beschriebene grundsätzliche politische Konstellation nicht ganz den heutigen Realitäten entspricht. Und doch unterscheidet sich die in diesem Buch dargestellte Welt nicht so sehr von der, in der wir leben.


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YACHTBILD Kai Greiser

Arno Schmidt (geb. 1914 in Hamburg, gest. 1979 w Celle) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in der Familie eines Polizeibeamten auf. Schon mit drei Jahren konnte er lesen und seitdem blieb das Lesen von (insbesondere vergessenen) Büchern bis an sein Lebensende seine große Leidenschaft. Sein Lieblingsautor war in der Kindheit Jules Verne. Nach dem Tode des Vaters (1928) zog die Mutter mit den Kindern nach Lauban in Niederschlesien, woher sie stammte. Nach der Matura in Görlitz, dem aus politischen Gründen alsbald unterbrochenen Studium der Mathematik und Astronomie in Breslau und einer Periode der Arbeitslosigkeit arbeitete er in einer Textilfabrik in Greiffenberg. Die ersten schriftstellerischen Versuche unternahm er Mitte der 30er Jahre, aber das Meiste davon ging in den Wirren des Krieges unter. 1940 wurde er mobilisiert und diente bis zum Kriegsende als Artillerist in der Wehrmacht, zunächst im Elsass, ab 1942 in Norwegen. Nach seiner Entlassung aus der englischen Kriegsgefangenschaft arbeitete er als Dolmetscher, bis er 1949 mit der Erzählung Leviathan debütierte. Seit 1958 lebte er mit seiner Frau, der 1937 geehelichten Alice Murawski, im niedersächsischen Bargfeld, das er fast nicht verließ. Er verdiente sich seinen Unterhalt hauptsächlich mit Übersetzungen aus dem Englischen (u. a. der Werke solcher Autoren wie William Faulkner, Edgar Allan Poe, Wilkie Collins, Edward Bulwer-Lytton und James Fenimore Cooper). Gegen sein Lebensende genoss er die großzügige Hilfe des bekannten Unternehmers Jan Philipp Reemtsma, der nach dem Tode des Autors eine nach ihm benannte Stiftung gegründet hat.

Von seinen ersten Publikationen an galt Arno Schmidt als ein Außenseiter und ein auf sein eigenes Ich konzentrierter Solipsist. Im Mittelpunkt aller seiner Bücher stehen - häufig in unterschiedlicher Verkleidung - seine persönlichen Erfahrungen, Gedanken, Ansichten und Interessen. In seinen frühen Arbeiten finden zwar die Erfahrungen seiner Generation (das Dritte Reich, der Militärdienst, die Umsiedlungen, der Wiederaufbau Deutschlands und das Aufblühen der Wirtschaft nach dem Kriege) ihren Niederschlag, aber ungeachtet des Realismus seiner minutiösen Beschreibungen der Nachkriegswirklichkeit der Bundesrepublik erscheint die geschilderte Welt im Grunde nur als Hindernis auf dem Wege zur Verwirklichung der Wünsche des Schreibenden (alle seine Bücher sind in der Ich-Form geschrieben): in die Werke alter, vergessener Autoren einzutauchen, ihr Leben zu studieren, Literatur zu schaffen. Die narzisstischen Helden in den Büchern Schmidts, gleichwohl wo und wann sie leben - im Dritten Reich, im Nachkriegsdeutschland, im Spätaltertum, auf dem Mond oder in der von verschiedenen Katastrophen gebeutelten Zukunft (wie in der Gelehrtenrepublik) - sind immer ironische, melancholische Einzelgänger, die an der Dummheit und dem Wahnsinn der sie umgebenden Welt leiden, der sie intellektuell überlegen sind und in der sie hartnäckig nach einem Ort für die freie wissenschaftliche oder literarische Tätigkeit suchen. Wegen der ausgesprochen eigenartigen Stilistik seiner Prosa ist Arno Schmidt nie Liebling eines breiteren Publikums geworden, obgleich er in den Augen der Kritiker als einer der bedeutendsten deutschen Autoren nach 1945 gilt. Der Erzählfluss in seinen Büchern hat - im unterschiedlichen Maße - diskontinuierlichen Charakter und soll in der Absicht des Autors die Denkprozesse im Gehirn widerspiegeln, daher die Vielfalt der Assoziationen, Digressionen, Anspielungen und Zitate. In seinen Werken, die bis Ende der 50er Jahre entstanden sind, erinnert seine Erzähltechnik an den inneren Monolog. Der Einfluss des Expressionismus, aber auch der Romantik ist darin spürbar, sie zeichnen sich durch kühne, bildhafte Metaphorik und gewagte Wortschöpfungen aus, auch bedient sich der Autor reichlich aus dem Reservoir der Umgangsprache und des Dialekts, oft in phonetisch getreuer Umschreibung. Die wichtigsten Werke aus dieser Periode sind die Erzählungen Leviathan (1949), Die Umsiedler (1953), Seelandschaft mit Pocahontas (1955), die Romane Das steinerne Herz (1956) und Die Gelehrtenrepublik (1957). In seinen späteren, zunehmend hermetischeren Büchern verarbeitet Schmidt - unter dem Einfluss James Joyces, Lewis Carrolls und vor allem Sigmund Freuds - die Ergebnisse der Forschungen über das Bewusstsein und die Sprachprozesse. In dieser Zeit vertieft sich auch sein politischer, gesellschaftlicher und kultureller Pessimismus (und Konservatismus). In seiner Einöde verharrend, mit alten Büchern umgeben und sein Wissen um die Gegenwart hauptsächlich aus dem Fernsehen schöpfend, sah sich der Autor zunehmend als Hüter von Literaturschätzen, dessen Wirken er durch die Dummheit der Politiker und der verrohten, sexbesessenen Jugend bedroht zu sein glaubte. Die Welt betrachtete er als ein Narrenhaus, in dem Geldgier, Sittenlosigkeit und Faulheit herrschten, immer seltener entdeckte er in dieser Wirklichkeit Inseln des wahren Literaturschaffens und der Sorge um das Kulturerbe, regiert von weisen, fleißigen und asketischen Patriarchen. Zu seinen wichtigsten Werken aus den 60er und 70er Jahren gehören der Roman Kaff auch MARE CRISIUM (1960), die Erzählungen aus dem Band Kühe in Halbtrauer (1964), sein Lebenswerk Zettels Traum (1970), ein riesiger, mit literarischen Zitaten und Anspielungen gespickter Essayroman, dessen Text in drei parallele Spalten gegliedert ist, schließlich die in Dialogform geschriebenen Romane Die Schule der Atheisten (1972) und Abend mit Goldrand (1975). Arno Schmidt ist auch Verfasser einer Reihe von literaturhistorischen und psychoanalytischen Arbeiten wie auch Rundfunkessays. Für sein Schaffen wurde er u. a. mit dem Theodor-Fontane-Preis (1964) und dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main (1973) ausgezeichnet.

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