Arnold Stadler

Mein Hund, meine Sau, mein Leben

Das Buch erschien in der Übersetzung von Krystyna Wierzbicka-Trwoga im Verlag Jacek Santorski & Co Agencja Wydawnicza, Warszawa, im Mai 2006, 168 S.
(Originalausgabe: Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1994)


Hauptthema von Stadlers Roman ist die Vergänglichkeit - und man ist versucht hinzuzufügen - des menschlichen Lebens. Doch nicht allein: Denn nicht das Ableben eines geliebten Menschen, sondern das Hinscheiden seiner geliebten Tiere weihen den Held des Romans in das Geheimnis des Lebens ein, das der Tod ist. Nachdem er Hund und Katze verloren hat, die von Autos überfahren wurden, freundet er sich mit einem Ferkel an, das er füttert und mit dem er im Schweinestall spielt - bis er es eines Tages in seiner Suppe in Wurstform wiederfindet. Damals, erzählt der Ich-Erzähler, muss ich meinen Verstand verloren haben, denn gleich darauf begann ich Gedichte zu schreiben.

Gedichte schreiben gilt als Schrulligkeit in der Welt, in der der Romanheld aufwächst, der übrigens vom Moment seiner Empfängnis an überzeugt ist, dass seine Andersartigkeit ihm gleichsam an der Stirn geschrieben steht. Es ist die Welt wohlhabender Landwirte, einer alten "Schweinehändlerdynastie" mit dem bezeichnenden Namen Schwanz, die sich nichts anderes wünschen, als eben Bauern zu sein. Indessen träumt der Erzähler mit sieben davon, Papst zu werden und Mao Tse-tung zu bekehren, und nach bestandenem Abitur geht er zum Theologiestudium nach Rom: eine Entscheidung, die, wie er vermutet, auch vom Tod seiner drei Tiere maßgeblich beeinflusst wurde.
Die Geschichte des Erzählers erfahren wir in chronologischer Ordnung, obwohl er gelegentlich etwas vorwegnimmt oder in die Zeit der Kindheit zurückkehrt. Denn seine Aufzeichnungen leben von seinem Gedächtnis, seinen Erinnerungen und Assoziationen.

Das Problem der Vergänglichkeit - genauer gesagt - des Verlustes der Menschen, auf die wir, wie es der Held formuliert, gezählt hatten, dass sie das ganze Leben mit uns sein würden, wirft nämlich die Frage auf, was sie uns hinterlassen. Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Erinnerungen. Doch vergehen diese nicht auch mit der Person, die sich erinnert? Eine Möglichkeit wäre, auf Papier, mit Worten, eine bleibende Spur zu hinterlassen. Und hier stoßen wir auf das nächste Problem des Erzählers: seine Sprache passt nicht zur Welt. Bereits die Muttersprache, die erste Sprache, die er erlernte, war seine erste "Fremdsprache".
Zwischen dem, was wir empfinden, und jeglicher Sprache liegen Welten. Das wird dem Leser durch metasprachliche Reflexionen bewusst gemacht, die der Erzähler von Zeit zu Zeit in die Geschichte einstreut - wie z.B. "Unsere Sprache hat kein Wort für Liebe". Wobei mit "unserer" der heimatliche süddeutsche Dialekt gemeint ist. Erst im Deutschunterricht lernt der Erzähler Begriffe wie Liebe oder Freundschaft kennen und im Fremdsprachenunterricht elegante Sätze, die die Wirklichkeit zu bändigen versuchen, wie das französische "c' est la vie", das ihm später hilft, die folgenden Trennungen zu überstehen.

Der Held und Erzähler weist übrigens viele Ähnlichkeiten mit dem Autor auf, so dass wir es scheinbar mit einem autobiografischen Roman zu tun haben. Er stammt aus einem Dorf in der Nähe von Meßkirch, wo Stadler geboren wurde. Sein Vorname, von dem wir nur den ersten Buchstaben kennen, beginnt ebenfalls mit A. Er studiert wie Stadler in Rom Theologie und lebt anschließend in der Ortschaft F. (Stadler studierte Germanistik in Freiburg), schreibt an etwas und wird von seinem französischen Bekannten für einen Schriftsteller gehalten.
Hier enden allerdings die Ähnlichkeiten: Der Erzähler, dem es aufgrund einer vermeintlichen Epilepsie letztlich nicht gelang, Priester zu werden, verdient sich in der Stadt F. seinen Lebensunterhalt als Grabredner. Er findet neue Freunde, die er wieder verliert, lernt ein Mädchen kennen, mit dem er schläft, sieht dann aber um so überraschender für sich keinen anderen Ausweg, als sich umzubringen oder zu fliehen, wobei ersteres nicht in Frage kommt, da man nicht, wie er bereits zuvor erklärt hat, gegen die Todesstrafe sein und gleichzeitig Figuren in Romanen dazu verurteilen könne.
Also flüchtet er mit einer Reisegruppe nach Rom, von der er sich absetzt, was ihm das Leben rettet, da das Charterflugzeug auf dem Rückweg ins Mittelmeer stürzt. Und weil die Italiener keine Passagierlisten aufstellen, merkt niemand, dass ein Mitglied der Reisegruppe nicht an Bord der Maschine war, und so wird der Held für tot erklärt. Für den Erzähler ist dies ein Geschenk des Himmels. Er meldet sich nicht und beobachtet stattdessen heimlich wie sein Vermögen versteigert wird. Am Ende hat er alles verloren: seinen Hund, seine Sau und sein Leben. Wir verlassen den Erzähler, als er gerade vierzig wird, für die Welt nicht existiert und beschließt, erstens, sich immer mit Sonnenöl einzukremen, und zweitens, von nun an keine Entschlüsse mehr zu fassen.

Warum entflieht der Held der Welt? Flüchtet er vor der Liebe? Flüchtet er deshalb vor ihr, weil sie ihn an das Leben bindet, das er als eine Kette fortgesetzter Verluste erlebt? Fürchtet er, ein weiteres Mal Abschied nehmen zu müssen, und zieht es deshalb vor, dass die anderen ihn beweinen, als dass er selbst zu leiden hat? Das wäre ein origineller Versuch, aus dem Teufelskreis des Lebens auszubrechen. Ein Leben nach dem Leben, jedoch hier, im Diesseits, und der Erzähler hofft auf eine fröhlichere Fortsetzung, wenn auch mit anderen Menschen als zu Beginn.
Es scheint so, als wollte er diese konkrete Existenz unterbrechen, mit der ihn allzu viele schmerzliche Erinnerungen verbanden. Ihre Aufzeichnung ist vielleicht der Versuch, sich von den Gespenstern der Vergangenheit zu befreien. Ein gelungener Versuch? Die Sprache, ein unvollkommenes Werkzeug, das nur Täuschungen zu erzeugen vermag, bringt, wenn schon keine Rettung, so doch zumindest Erleichterung.
Am Schluss des Romans bekennt der Erzähler, dass er im Werk des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter Trost fand, dessen Leben, das im Selbstmord endete, im krassen Gegensatz zur idealen Welt seiner Romane stand. Stifter nahm sich das Leben, Stadlers Erzähler überlebt.


Foto: Michael Kretzer

Arnold Stadler, 1954 im schwäbischen Meßkirch geboren, verbrachte seine Kindheit auf dem Land. Er studierte katholische Theologie in München und Rom sowie Germanistik in Freiburg und Köln. Stadler ist Lyriker und Autor einer Reihe von Romanen: Ich war einmal (1989), Feuerland (1992), Der Tod und ich, wir zwei (1996), Ein hinreißender Schrotthändler (1999) und Sehnsucht. Versuch über das erste Mal (2002). Seit 2003 erscheinen die Bücher von Arnold Stadler im Verlag Jung & Jung in Salzburg (www.jungundjung.at).

Arnold Stadler wurde mit mehreren renommierten Literaturpreisen, u.a. dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1998) und dem Georg-Büchner-Preis (1999), ausgezeichnet. Sein Werk ist auch als Missbilligung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, oder anders formuliert, es ist der unbequeme Widerspruch eines Katholiken gegen die sündige Verfasstheit der Welt.
Zugleich kommen in seiner Prosa die anarchistische Freude des Autors zum Ausdruck, in Anbetracht der kuriosen menschlichen Gefühlsverwirrungen, sowie ein Humor, der eines Woody Allen würdig ist, angesichts der Anmaßungen derer, die uns Rückhalt und Sicherheit versprechen. Diese Mischung aus Verzweiflung und Komik, Metaphysik und Groteske, Religion und Erotik, Erhabenheit und Banalität ist in der deutschen Literatur eine ganz eigene Erscheinung von hohem Wiedererkennungswert. Stadlers originelle Prosa hat im deutschsprachigen Raum bereits zahlreiche Nachahmer gefunden.

Rezensionen:

1.

Adam Zdrodowski, Meister der Mystifikation, Stadler und sein Spiel mit dem Romanschreiben, Dziennik, Beilage "Kultura",16.06.2006

2.

Ich bin schon eine merkwürdige Type Karolina Monkiewicz-¦wiêcicka im Gespräch mit Arnold Stadler

3.
Izabela Mikrut, Portal www.granice.pl, 2007
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