Uwe Tellkamp

Der Eisvogel

Das Buch erschien in der Übersetzung von Bogdan Baran
im Verlag Bellona, Warszawa, im Mai 2006, 253 S.
(Originalausgabe: Der Eisvogel, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005)


Der dreißigjährige, hochbegabte Bankierssohn Wiggo Ritter steht nach seinem Philosophiestudium am Scheideweg. Da er kein Freund von Kompromissen ist, nimmt seine akademische Karriere ein schnelles Ende. Er verzichtet auf die Hilfe seines Vaters, eines erfolgreichen und praktischen Finanziers, der bereit ist, den Sohn in seiner Bank einzustellen, obwohl er ihn für einen Versager und Weichling hält. Ohne feste Arbeit, schlägt sich Wiggo mit anspruchslosen Gelegenheitsjobs durch, da er zu stolz ist, vom Vater abhängig zu sein, dessen Ideale ihm zutiefst zuwider sind.
Er fristet ein kümmerliches Dasein. Das ändert sich jedoch, als er das charismatische Geschwisterpaar Mauritz und Manuela Kaltmeister kennen lernt, zwei perfekt getarnte Terroristen, Mitglieder einer konservativen Organisation, die den Sturz der demokratischen Ordnung in Deutschland herbeiführen und eine extrem rechte intellektuelle Elite zur Macht verhelfen will.
Die Geschwister sehen in dem ungemein intelligenten jungen Outsider einen idealen Verbündeten. Aber Wiggo verliebt sich in Manuela und wird von da an zu einer Bedrohung für die ganze Organisation. Mit der Zeit sagt er sich von deren Zielen los und gerät immer stärker mit Mauritz in Konflikt, den er schließlich, während eines Terroranschlags auf eine Nudelfabrik, tötet.

Der Roman beginnt mit der Schilderung des Mordes, und erst danach rekonstruiert Wiggo Ritter im Krankenhaus, wo seine Verbrennungen behandelt werden, die er beim Feuer in der Fabrik erlitt, die Vorgeschichte seiner Tat. Adressat seines Berichts ist ein anonymer Rechtsanwalt, der ihn im Mordprozess verteidigen soll. Im Bericht tritt eine Reihe von Personen auf, die wie Zeugen im Gerichtsverfahren die Ereignisse aus ihrer Perspektive beleuchten.

Die originelle Konstruktion - der Roman besteht aus unverbundenen Äußerungen, sei es des Protagonisten, sei es anderer Personen, wobei erst aus dem Kontext hervorgeht, wer gerade spricht - gehört, neben der sprachlichen Virtuosität, unbestreitbar zu den Qualitäten dieses Buches und erzeugt Spannung, die geschickt aufrechterhalten wird und den Leser bis zum Schluss nicht loslässt, obwohl er das dramatische Finale der Geschichte bereits nach der ersten Seite kennt.

Obwohl Der Eisvogel auf seine Art ein Kriminalroman ist, ging es dem Autor in erster Linie darum, die komplizierten zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zu zeigen, die unter bestimmten Bedingungen (Generationskonflikt, Arbeitslosigkeit) extremistische Einstellungen hervorbringen, die eine Gefahr für die demokratische Ordnung sind. Auch wenn der Roman in Deutschland spielt, hat das Thema sicherlich universalen Charakter, wobei sich der Autor - was in der zeitgenössischen Literatur selten vorkommt - mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzt.

Die Ursache für die im Roman beschriebenen Einstellungen sieht der Autor in der Angst des modernen Menschen vor dem sozialen Abstieg, dem Verlust des Selbstwertgefühls, in seiner Ratlosigkeit und Verwirrung angesichts der Globalisierungsprozesse, die dem Individuum jegliche Möglichkeit der Wahl - außer dem verzweifelten und anarchistischen Akt der Auflehnung - nehmen.


Foto: Rowohlt Verlag

Uwe Tellkamp (geb. 1968 in Dresden) leistete während der Wende 1989 seinen Militärdienst ab und wurde für seine Weigerung, an Einsätzen gegen Demonstranten teilzunehmen, ins Gefängnis gesperrt und von der Universität geworfen. Anschließend arbeitete er in einem Braunkohlebergwerk, als Drechsler und Krankenpfleger. Nach seinem Medizinstudium in Leipzig, New York und Dresden arbeitet er momentan als Arzt in einer Klinik für Unfallchirurgie. Sein Romandebüt Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Cafe erschien im Jahre 2000. Er ist mehrfach preisgekrönter Autor von Gedichten, Erzählungen und Romanen. 2004 wurde er mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis für den Roman Der Schlaf in den Uhren ausgezeichnet, 2008 mit dem Deutschen Buchpreis für den Roman Der Turm.

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