Birgit Vanderbeke

Das Muschelessen

Übersetzt von S³awa Lisiecka
Wydawnictwo Sic!, Warszawa 2006, 94 S.
(Originalausgabe: Rotbuch Verlag, Hamburg 1990)


Das Muschelessen ist eine satirische Erzählung über eine patriarchalische Familie, in der der tyrannische Vater die erste Geige spielt. Sowohl seine Frau als auch die Kinder müssen seinen traditionellen Vorstellungen vom Leben, von einer "echten" Familie und ihren alltäglichen Bedürfnissen entsprechen.
Jahrelang begehrt keines der Familienmitglieder auf. Eines Abends kehrt der Vater jedoch nicht zur vorgesehenen Zeit von einer Dienstreise zurück, die titelgebenden, eigens zur Feier seiner Rückkehr aufgetischten Muscheln werden kalt, und der Mutter sowie ihren zwei heranwachsenden Kindern, die am Wein nippen, wird zum ersten Mal bewusst, dass, wenn der Vater nicht zurückkehren würde, jeder von ihnen ungestört beginnen könnte, die eigenen Lebensträume zu verwirklichen, die mit den Wünschen des Vaters wenig gemein haben. Die achtzehnjährige Erzählerin enthüllt vor dem Leser nach und nach den Schrecken, der sich Tag für Tag in ihrem Haus abspielt, dem nicht nur die Kinder, sondern auch die Mutter ausgesetzt ist, die sich ihrem Mann völlig untergeordnet hat. Der Kontrast zwischen der unterhaltsamen, warmen Erzählweise und den praktischen, alle Lebensbereiche durchdringenden Auswirkungen der väterlichen Weltsicht lassen den Leser erschaudern.


Foto: Sven Paustian

Birgit Vanderbeke wurde am 8. August 1956 in Dehme/Brandenburg geboren. Zwei Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer flüchteten ihre Eltern 1961 mit ihr in die BRD. Sie studierte Jura und Romanistik in Frankfurt am Main und jobbte als Sekretärin. Später wohnte sie kurz in Berlin und begann, sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen. 1993 zog sie mit ihrer Familie nach Südfrankreich, wo sie bis heute wohnt.
Die Erzählung Das Muschelessen (1990), für die sie im gleichen Jahr den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, ist ihr Debüt. Seitdem veröffentlicht sie fast jedes Jahr neue Erzählungen oder Romane, die von der Literaturkritik meist positiv aufgenommen werden, u.a.: Fehlende Teile (1992), Gut genug (1993), Ich will meinen Mord (1995), Friedliche Zeiten (1996), Alberta empfängt einen Liebhaber (1997), Ich sehe, was Du nicht siehst (1999), abgehängt (2001), Geld oder Leben (2003), Schmeckt's? Kochen ohne Tabu (2004), Sweet Sixteen (2005).
Hauptthema ihrer Bücher ist das Alltagsleben in der kleinbürgerlichen Familie, das aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Mal befasst sich Vanderbeke mit der Kindererziehung, dann wiederum erzählt sie von der schwierigen Liebe zweier Erwachsener und ein anderes Mal ganz allgemein von der Krise der Institution Familie und den komplizierten Bindungen ihrer Mitglieder untereinander.
Vanderbekes Prosa ist nur scheinbar heiter. Sie ist in einem leichten, scherzhaften Ton gehalten, bedient sich der Ironie und des schwarzen Humors, entblößt gnadenlos und schmerzhaft das stereotype und gedankenlose Betragen der Erwachsenen, kritisiert scharf autoritäres Gebaren, zeigt den Verfall der Werte und beschreibt die Vereinsamung in der Gemeinschaft. Vanderbekes bittere Kritik zielt häufig auf die Männerwelt und ihre herablassenden, patriarchalischen Verhaltensweisen gegenüber Frauen und Kindern.
Sämtliche Werke von Birgit Vanderbeke, die häufig aus der Perspektive eines Kindes oder Teenagers erzählt werden, zeichnen sich durch einen sehr eigenen, für diese Autorin charakteristischen Stil aus, der wie bei Thomas Bernhard voll langer komplizierter Sätze sowie sich wiederholender Phrasen ist.
Vanderbeke erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen, u.a. den Kranichsteiner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk (1997), den Roswithapreis der Stadt Gandersheim für Alberta empfängt einen Liebhaber (1999), den Solothurner Literaturpreis (1999) und den Hans-Fallada-Preis (2002).

Rezensionen:

1.

2.
d.k., Birgit Vanderbeke Das Muschelessen, Studium. Pismo o nowej literaturze (Zeitschrift für neue Literatur), 5/2006
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