David Wagner

Leben

Das Buch erschien in der Übersetzung von Agnieszka Walczy im Verlag Wydawnictwo Uniwersytetu Jagielloñskiego in Krakau im März 2017. 253 Seiten.
(Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013)


Leben ist die Geschichte eines todkranken jungen Mannes, den nur eine Lebertransplantation retten kann. Es ist weder ein Roman im klassischen Sinne noch ein Tagebuch - obwohl wir wissen, dass sich der Autor im Alter von 36 Jahren einer Lebertransplantation unterziehen musste und dass sein Held, "Herr W.", als Ich-Erzähler auftritt. 277 Miniaturen, durch zwei graue Blätter in die Zeit "davor" und "danach" geteilt, geben Einblick in die faszinierende Welt eines Menschen, den seine Krankheit vor die schwierigste Wahl gestellt hat. "Wann passiert es schon, dass einem die Verlängerung des eigenen Lebens angeboten wird?" Soll er das Risiko eingehen, um für sein Kind weiterleben zu können?

Aber Leben ist viel mehr als bloß eine ergreifende Krankheitsgeschichte. Der Held, für viele Monate an sein Bett gefesselt, hält in seinem Notizblock Beobachtungen aus der Realität des Krankenhauses fest, einer Realität, die ihm als ein autonomer Kosmos erscheint, Gedanken, auch solche, die den wesentlichsten Fragen gelten, Erinnerungen (oder vielleicht Träume?) an Frauen und Reisen. Er versucht, sich den Menschen vorzustellen, der gestorben ist, damit er weiterleben könnte, vielleicht als jemand anderer als bisher.

Es ist ein Buch über den Versuch, die eigene Identität zu definieren, über die Wechselbeziehung von Körper und Geist. Die kranke Leber hat enormen Einfluss auf die psychische Verfassung des Ich-Erzählers, die fortschreitende Vergiftung des Organismus hat Bewusstseinsstörungen zur Folge, sie versetzt den Kranken in einen Schwebezustand zwischen den Welten. Mit der neuen Leber wird der Ich-Erzähler zu einer Chimäre, er ist, im genotypischen Sinne, nicht mehr nur der, der er war, er hat jetzt auch etwas von der Person des Spenders, denn infolge der Transplantation hat sich auch die bewusstseinsnährende Biochemie verändert. Träumt er jetzt etwa fremde Träume? Empfindet er früher unbekannte Gefühle? Ist er ein neuer, verbesserter und vervollständigter Mensch geworden?

Bilder, Sequenzen, Momentaufnahmen, die in diesem Buch enthalten sind, ergeben bei aller Buntheit und Mannigfaltigkeit eine sehr durchdachte Form. Der Autor bedient sich oft der Selbstironie und ist weit entfernt von Exhibitionismus, Pathos und weinerlicher Gefühlsduselei.


Foto: Strombomboli

David Wagner, geboren 1971 in Andernach, hat Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin, wo er zur Zeit lebt, studiert.

Er debütierte im Jahre 2000 mit dem Roman Meine nachtblaue Hose und hat bis jetzt u. a. die Erzählsammlung Was alles fehlt (2002), sechs Romane, darunter Vier Äpfel, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, und Spricht das Kind (beide 2009) sowie Gedicht- und Erzählbände, Erzählungen, Feuilletons und Essaysammlungen veröffentlicht. David Wagner wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für den Roman Leben, der ein Jahr später zum besten zeitgenössischen fremdsprachigen Buch in China gewählt wurde.

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